Marburger Oberbürgermeister schreibt Brief an Greta Thunberg

 

Was kann Marburg, was können wir alle gegen den Klimawandel tun? In Reaktion auf die mutigen Demonstrationen junger Menschen auch in Marburg unter dem Titel #FridaysForFuture lädt Oberbürgermeister Spies die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg nach Marburg ein. Was meint ihr, was können wir alle – Bürgerinnen und Bürger, Kommune, Staaten – besser machen? Würdet ihr zu der Veranstaltung mit Greta kommen?

 

Das Schreiben an Greta auf Deutsch:

 

Liebe Greta,

 

ich heiße Thomas. Ich bin Oberbürgermeister von Marburg, einer kleinen Stadt mit rund 75.000 Einwohner*innen in der Mitte von Deutschland. Mehr als die Hälfte der Menschen hier sind Kinder, Schüler*innen oder Studierende und viele haben sich deinem Schulstreik für das Klima angeschlossen. Ich schreibe dir diesen Brief, weil ich dich gerne nach Marburg einladen möchte.

Marburg ist eine schöne Stadt, die im Jahr 2022 ihren 800. Geburtstag feiern wird. Wir haben viele alte Häuser, ein Schloss auf einem Berg und im Tal einen Fluss, der Lahn heißt.

 

Wir sind eine weltoffene und solidarische Stadt

 

Wir mögen es miteinander zu diskutieren, zu protestieren und wir sind eine weltoffene, solidarische Stadt, die Geflüchtete mit offenen Armen willkommen heißt. Ich bin sehr froh, dass wir auch eine stolze Tradition in Fragen der Nachhaltigkeit und des Klimaschutzes vorweisen können. 2008 versuchten meine Vorgänger – allen voran der damalige Bürgermeister, Dr. Franz Kahle – eine sog. Solarsatzung einzuführen, die alle Menschen, die ein Haus bauen, ein Dach oder die Heizungsanlage erneuern, dazu verpflichtete, Solaranlagen zu installieren.

 

Stehen den Bürgern mit Rat und Tat zur Seite

 

Wir waren die erste Stadt, die so etwas in Deutschland versucht hat. Nachdem viele Menschen über diese Pläne diskutiert haben, entschied ein Gericht im Jahr 2010, dass die Bürgerinnen und Bürger nicht in dieser Form zur Nutzung von erneuerbaren Energien gezwungen werden dürfen. Bis heute stehen wir aber allen, die PV-Anlagen nutzen oder ihr Dach begrünen wollen, mit Rat und Tat zur Seite. Wir wissen, dass der Klimawandel nicht von alleine gestoppt oder verlangsamt werden kann. Hierzu braucht es das gemeinsame Handeln von Bürger*innen, Kommunen und Staaten, die ihr jeweiliges Verhalten nachhaltig verändern müssen. Wir wissen auch, dass die Wirtschaftsweise der Industrienationen die Umwelt zerstört und darunter die ärmsten Menschen der Welt zuerst leiden.

 

Stadt wurde mehrfach ausgezeichnet

 

Wir versuchen dagegen einiges zu tun: wir verändern unser Konsumverhalten, bereiten in unseren Kitas frisches, gesundes Essen zu und bieten attraktive Alternativen zum Auto und fossilen Brennstoffen an. Deshalb fördern wir PV-Anlagen, E-Fahrräder und haben in Marburg 250 Fahrräder, die alle Menschen benutzen können. 2017 wurden wir bundesweit für unseren „Klimaschutzbecher to go“ ausgezeichnet. Im gleichen Jahr hat uns Deutschlands größer Fahrradverein, der ADFC, ausgezeichnet als diejenige Stadt, die sich im vergangenen Jahr im Bereich des Radverkehrs am meisten verbessert hat. Jetzt wollen wir mit HO-Buslinien und E-Bussen auch den Öffentlichen Personennahverkehr verbessern. Du siehst, wir machen schon eine ganze Menge für den Klimaschutz. Es gibt darüber hinaus aber viele weitere Maßnahmen, über die es sich nachzudenken lohnt.

 

Klimaschutz ist die wichtigste und schwerste Aufgabe

 

In Marburg wissen wir, dass in Fragen des Klimaschutzes das Überzeugen von Menschen sowohl die wichtigste als auch die schwerste Aufgabe ist. Aktuell demonstrieren junge Menschen in Marburg in Solidarität mit dir und dem Klima und sind damit Teil der „Fridays for Future“-Bewegung. Ich möchte dir an dieser Stelle ausdrücklich meinen Dank dafür aussprechen, dass du uns zeigst, dass nur, weil man jung ist, man der eigenen Stimme dennoch Gehör verschaffen kann. Es sind jetzt die jungen Menschen, die sagen, dass wir keine Zeit mehr haben zu warten und wir jetzt etwas gegen den Klimawandel unternehmen müssen. Das will ich und ich glaube, dass will auch die deutliche Mehrheit der Marburgerinnen und Marburger.

 

Wir wollen mit jungen Menschen ins Gespräch kommen

 

Wir wollen in diesem Jahr damit anfangen, zuerst mit den jungen Menschen ins Gespräch zu kommen, die gerade ihre Stimme für den Klimaschutz erheben. Mit ihnen und später mit allen Marburgerinnen und Marburgern wollen wir beraten, was Bürgerinnen und Bürger, was aber auch die Universitätsstadt Marburg tun kann, um in dieser wichtigen Frage weiterzukommen. Es wäre uns eine enorm große Hilfe, wenn du dich bereit erklären würdest uns in Marburg im Laufe des Jahres 2019 zu besuchen. Wir haben beispielsweise unser Erwin-Piscator-Haus, in dem bis zu 1.000 Personen empfangen werden können und in dem dich sowohl die Jugend der Stadt als auch Erwachsene sicherlich gerne begrüßen würden.

 

Danke nochmal für alles, was Du für den Klimaschutz tust

 

Ich freue mich von dir zu hören. Du kannst gerne bei meinem Persönlichen Referenten, Herrn Höhn, anrufen oder eine E-Mail schreiben. Er war so nett und hat diesen Brief auf Schwedisch verfasst. Danke nochmal für alles, was du für den Klimaschutz tust. Ich bin überzeugt, dass viele Menschen von dir so einiges lernen können. Du zeigst uns, dass wir auch auf unfaire, unsachliche Kritik in sachlicher, respektvoller, kluger und einsichtiger Art und Weise antworten können. Damit bist du ein Vorbild, nicht nur für die Jugend, sondern für alle, die sich für Menschlichkeit und eine Welt, in der es sich zu leben lohnt, einsetzen.

Mit freundlichen Grüßen

 

Dr. Thomas Spies

Oberbürgermeister

 

Info: Das ist der Wortlaut der Pressemitteilung, die von der Stadt Marburg herausgegeben wurde.

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