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Investmentbanker unter der Lupe der Wissenschaft

Der Hamburger Gesellschaftswissenschaftler Sighard Neckel hat sich in einer Untersuchung der "Finanzklasse" gewidmet. Eine ganz besondere Spezies. Ein Gespräch über "Krieger" mit Standesdünkel.

 

Herr Neckel, in einer Studie haben Sie und ihre Mitarbeiter sich der sogenannten Finanzklasse gewidmet. Was verbirgt sich hinter dieser „Klasse“?

 

SIGHARD NECKEL: Hiermit meinen wir die gut ausgebildeten Menschen im Finanzwesen. Hier insbesondere die Investmentbanker, die sich auf den internationalen Finanzmärkten bewegen und sich von der beruflichenAusbildung bis zur Weltanschauung immer ähnlicher werden.

 

Aus welchem sozialen Umfeld stammt diese „Finanzelite“?

 

NECKEL: Das ist unterschiedlich. Früher rekrutierte sich diese Berufsgruppe im angelsächsischen Raum aus der sozialen Oberschicht. In Deutschland spielte dagegen die Berufsausbildung  in der Bank eine große Rolle. Heute ist entscheidend, dass die Absolventen bestimmte Business Schools besucht und mit einem MBA abgeschlossen haben müssen. Vorwiegend stammen diese junge Menschen aus akademischen Haushalten, den  oberen Mittelschichten.

 

Warum haben diese Top-Leute zum Beispiel nicht eine klassische Manager- oder Richterlaufbahn eingeschlagen?

 

NECKEL: Geld spielt für diese Berufswahl eine zentrale Rolle. In der Finanzbranche können die höchsten Einkünfte erzielt werden. Investmentbanker haben das Gefühl, dass sie zu einer Elite gehören. Nach deren Logik muss sich das dann auch auszahlen. 

 

Wo wir schon einmal beim „Auszahlen“ sind. Was wird in der Branche verdient?

 

NECKEL: Die durchschnittlichen Jahresgehälter zum Beispiel für Analysten am Finanzplatz Frankfurt liegen nach dreijähriger Berufserfahrungen bei  125.000 bis 145.000 Euro. Hinzu kommen Bonuszahlungen und Erfolgsprämien. Rund 300 angestellte Banker in Deutschland verdienen sogar über eine Millionen Euro im Jahr.

 

Und wie sieht es im angelsächsischen Raum aus?

 

NECKEL: Hier wird noch mehr verdient. Am Finanzplatz Sydney, den wir ebenfalls untersucht haben, bekommen die jungen Investmentbanker rund 180.000 Euro jährlich. Die absoluten Spitzengehälter liegen hier bei 19 Millionen Euro. In London konnte ein Investmentbanker 2014 sogar 34 Millionen Euro verdienen.  

 

Viel Geld, was wird dafür als Gegenleistung erwartet?

 

NECKEL: Erwartet wird von den Investmentbankern die Maximierung von Renditen. Und das jährlich. Folglich steht diese Berufsgruppe unter einem starken finanziellen Erfolgsdruck. Die Kunden dieser Banker erwarten eine permanente Steigerung ihrer Rendite. Auch die Konkurrenz innerhalb dieser Gruppe ist hart. 

 

Warum ist das so?

 

NECKEL: Es gibt derzeit weltweit viel vagabundierendes Kapital , das nach Veranlagung sucht, das macht diese Berufsgruppe interessant. Investmentbanken müssen deshalb neben hervorragenden Kenntnisse im Finanzwesen sich eine gewisse Weltläufigkeit an den Tag legen, damit sie überall in der Welt mit Kunden auf Augenhöhe sprechen können.

 

Wie flexibel müssen die Banker in ihrem Berufsleben sein?

 

NECKEL: Flexibilität wird in der Branche geschätzt. Auch wenn viele Institute ihre Mitarbeiter gerne länger halten würden, gilt es bei diesen dennoch als Leistungsbeweis, wenn sie alle eineinhalb bis drei Jahre den Arbeitgeber wechseln. Im umgekehrten Fall könnte ja der Schluss gezogen werden, dass sich niemand für sie interessiert. Klar ist auch, dass jeder Wechsel mit einem höheren Gehalt verbunden ist.

 

Diese Berufsgruppe scheint die Erfolgsspur zu suchen. Wird das auch von der „Außenwelt“ goutiert?

 

NECKEL: Seit der Finanzkrise 2008 hat die „Fremdwahrnehmung“ dieser Berufsgruppe stark gelitten. Die Banker sehen das anders. Sie halten diese Vorwürfe für ungerechtfertigt, denn sie sehen sich als Mitglieder einer hochqualifizierte Berufsgruppe mit hervorragenden Kompetenzen. Und schließlich wäre sie nicht für die Finanzkrise verantwortlich, sondern die Anleger, die Druck ausgeübt hätten. 

 

Gibt es denn in dieser Branche auch Frauen, die ihren „Mann stehen“?

 

NECKEL: In der Finanzbranche arbeiten sehr viele Frauen. Aber das Investmentbanking ist eine Männerdomäne. Die Frauen halten es dort nicht lange aus. Sie stört hier die Ruppigkeit des Umgangs, die vielen Machtspiele und der ausgeprägte Sexismus, der dort an der Tagesordnung ist. Frauen finden sich eher in den Back-Office-Bereichen der Banken, zum Beispiel in der Vermögensverwaltung. Die männlichen Investmentbanker bezeichnen sich hingegen gerne als „Krieger“ und „Kämpfer an der Front“.

 

Welches Weltbild schätzen diese „Krieger“?

 

NECKEL: Das Weltbild folgt liberalen Auffassungen. Für Banker sind Märkte die beste Organisationsform wirtschaftlichen Handelns. Dabei seien die Finanzmärkte am effektivsten, sofern es keine Regelung von außen gebe.

 

Lassen Sie uns über das Privatleben der Banker sprechen. Wo wohnen sie? Was schätzen sie als Statussymbole?

 

NECKEL: Die ältere Generation Frankfurter Banker schätzt den Taunus als Wohnumfeld, während die jüngere und mittlere Generation die angesagten innerstädtischen Lagen schätzt. Zu Beispiel das Frankfurter Nordend oder Sachsenhausen. Hier zählen die jungen Investmentbanker zu den zahlungskräftigsten Käufergruppen für sehr teure Eigentumswohnung. 

 

Wie sieht es mit den Statussymbolen aus?

 

NECKEL: Diese sind bekanntlich die erkennbaren Insignien des eigenen Erfolgs. Darauf wird in dieser Berufsgruppe Wert gelegt. Von den gewöhnlichen Statussymbolen, wie zum Beispiel einer Rolex-Uhr, wird aber eherAbstand genommen. Viel mehr soll die persönliche Besonderheit demonstriert werden. Das können dann der erlesene Weinkeller, der teure Maßanzug, die handgenähten Business-Schuhe und die edlen Manschettenknöpfe sein. Kulturell schätzt die ältere Generation der Banker die Hochkultur wie Oper und Theater, während die jüngeren eher "kulturelle Allesfresser" sind. Diese sind in der Oper genauso zu sehen wie in der angesagten Bar.

 

Auf was wird in der Finanzbranche noch geachtet?

 

NECKEL: Sehr wichtig ist ein durchtrainierter Körper. Dieser muss Gesundheit und Kraft ausstrahlen. Deshalb sind sportliche Aktivitäten ein Muss für diese Berufsgruppe. Würde ein Investmentbanker ein ungesundes Erscheinungsbild abgeben, wäre das ein falsches Signal für seine Umgebung. Erwartet werden Power, Dynamik und Schnelligkeit.

 

Zum Privatleben gehört auch ein Partner oder eine Partnerin. Welche Vorlieben haben hier die Banker?

 

NECKEL: Sie heiraten untereinander, das heißt in derselben oberen Berufsgruppe, es muss aber nicht das gleiche Berufsfel der Banken sein. Es befindet sich aber vielfach in der Nähe des eigenen beruflichen Umfeldes. Hierzu gehören Rechtsanwaltskanzleien, Unternehmensberatungen oder der Backoffice-Bereich von Banken mei

 

Buchhinweis: Sighard Neckel, Lukas Hofstätter, Marco Hohmann,

Die globale Finanzklasse. Business, Karriere, Kultur in Frankfurt und Sydney Frankfurt 2018 (Campus-Verlag), 250 Seiten, 29,95 Euro

 

Zur Person: Sighard Neckel (62) ist Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel an der Universität Hamburg. Zuvor war er Professor für Soziologie unter anderem an der Frankfurter Goethe-Universität. Zwischen 2013 und 2016 führte er eine Untersuchung zum globalen Finanzwesen in Frankfurt und Sydney durch. mei

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