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Warum die Airline Germania nicht wettbewerbsfähig war

Die kleine Airlines sind im Sinkflug. Nach der Insolvenz von Airberlin traf es jetzt die Germania. Über den Niedergang der kleinen Fluglinien und Regionalflughäfen ein Gespräch mit dem Luftfahrtsexperten Christoph Brützel.

 

Herr Brützel, erst Air Berlin, dann die Germania. Das sind die Gesprächsthemen in der Branche. Erwarten Sie noch weitere Insolvenzen bei den Airlines?

 

CHRISTOPH BRÜTZEL: In Deutschland ist das Feld inzwischen mit Ausnahme des Lufthansa-Konzerns, Condor/Thomas Cook und Tuifly/TUI inzwischen fast geräumt. Es gibt nur noch Sund Air. Alle sonstigen Gesellschaften operieren ausschließlich Business Charter oder ACMI. Bei Sund Air wird es darauf ankommen, dass sie ihre Kapazitäten nachhaltig an andere Fluggesellschaften verkaufen kann (ACMI) da ihr die hinreichende Größe für einen selbständigen Marktauftritt im Linienverkehr oder auch im Charter an Veranstalter fehlt. 

 

Wie sieht es mit den anderen Airlines aus?

 

BRÜTZEL: Condor steht zum Verkauf, da Thomas Cook den Spagat zwischen Großbritannien und der EU im Nachgang eines ungeordneten Brexit nicht wirklich im Griff haben mag. Selbst wenn sich hier kein Kaufinteressent finden sollte, wird Condor sicherlich nicht liquidiert und ist auch kein Kandidat für einen nächsten Konkurs. Tuifly ist als reiner Flugbetrieb für das Produktmanagement der TUI (Veranstalter) und (derzeit) ACMI für Eurowings unterwegs. Auch hier sehe ich keinerlei Gefahr. Die Herausforderungen sind vergleichbar mit denen bei Condor.

 

Bleiben wir beim Fall Germania. Woran ist das Unternehmen gescheitert?

 

BRÜTZEL: Seit 1987 war Germania so lange erfolgreich, wie sie entsprechend der Strategie ihres Gründers, Hinrich Bischoff, nur ACMI und Vollcharter geflogen ist. Zu den genialen Verbindungen und Deals des Gründers gibt es zahllose Anekdoten. 

 

Ab wann lief es bei Germania nicht mehr rund?

 

BRÜTZEL: Immer, wenn Germania allerdings versuchte über Akquisition von Veranstaltern (Berliner Flugring) oder eigene Angebote (GEXX) Tickets zu verkaufen, war sie nicht wettbewerbsfähig. Nach dem Tod von Bischoff gingen dessen extrem gute Verbindungen in der Industrie verloren und sukzessive auch die Beschäftigung durch TUI und Air Berlin. 

 

Was unternahm die neue Geschäftsführung gegen die wirtschaftlichen Turbulenzen?

 

BRÜTZEL: Die neue Geschäftsführung versuchte ihr Heil in „Lücken“ (Gründung einer Tochter in Afrika; Bedienung von Regionalflughäfen, Bedienung politisch kritischer Routen. Mit der atomisierten Aufstellung war die vorher sehr günstige Kostenposition der Germania nicht mehr zu halten. Betriebsstörungen, zum Beispiel durch technische Probleme an Flugzeugen oder kurzfristige Crewausfälle, führten zu wachsenden Verspätungskosten. 

 

Half die Nischenpolitik des Managements  dem Unternehmen?

 

BRÜTZEL: Auf der Marktseite gaben die Nischen offenbar doch nicht genug Nachfrage her, um die gestiegenen Kosten zu decken. So fuhr die Germania bereits in den vergangenen Jahren regelmäßig Verluste ein. Zu Bischoffs Zeiten gehörten alle Flugzeuge dem Eigentümer. Aus dieser Substanz konnte die Gesellschaft auch Zeiten überbrücken, in denen mangels Beschäftigung der Flieger Verluste entstanden. Nach dem Tod und dem weitgehenden Rückzug der Erben aus dem Gesellschaftskapital musste die Flotte zunehmend auf externe Leases umgestellt wurde. Damit setzte entsprechend eine laufende Belastung des Cash flows für Leasingraten und Vorschusszahlungen für Instandhaltung ein. Vermutlich in Erinnerung an bessere Zeiten orderte Germania 25 neue Airbusse, für die Anzahlungen zu leisten waren, deren Auslieferung sich aber offensichtlich verzögerte. Auch hierfür musste der entsprechende Finanzierungsrahmen geschaffen werden 

 

Auch Kunden sind von der Insolvenz betroffen und bleiben vermutlich auf vorab gekauften Tickets sitzen.

Was sollen diese tun?

 

BRÜTZEL: Wer seine Flugreise als Teil einer Pauschalreise gebucht hat, kann sich an den Veranstalter wenden, der eine Ersatzbeförderung organisieren muss. Kunden, die ein Linienflug-Ticket bei Germania erworben haben, haben keine Ansprüche gegen Dritte und müssen den Kaufpreis wohl abschreiben, da aus der Konkursmasse von Germania wohl nichts für sie übrigbleiben wird. In einigen Fällen bieten Condor, Eurowings und Tuifly auf ihren Netzen im Rahmen von Marketingaktionen vergünstigte Preise an. Bei Flügen aus Regionalflughäfen, wie Rostock, Erfurt oder Friedrichshafen gibt es allerdings nur Ersatzangebote, wenn eine Gesellschaft sich entschließt, diese zu bedienen.

 

Glauben Sie, dass alle Germania-Mitarbeiter einen neuen Arbeitsplatz finden werden?

 

BRÜTZEL: Die Mitarbeiter aus dem Flugbetrieb sollten mit ihren Lizenzen und Erfahrungen durchaus mehrheitlich neue Arbeitgeber finden, wobei die Situation sicherlich nicht mehr so gut ist, wie beim Konkurs von Air Berlin. Am ehesten dürfte noch Bedarf im Verbund von Ryanair und Laudamotion bestehen. Das sind Arbeitsplätze, die weder von den finanziellen Bedingungen noch vom Führungsstil eine Verbesserung versprechen. Verstärkt gilt das für Mitarbeiter der Technik und der Verwaltung.

 

In welchen Nischen können kleine Airlines überhaupt noch überleben?

 

BRÜTZEL: Nur als Betrieb (ACMI und Charter), nicht aber als eigenständige Linienfluggesellschaft.

 

Welche Auswirkungen haben die Airline-Konkurs auf die Regionalflughäfen?

 

BRÜTZEL: Die Konkurse von Germania und British Midland haben vor allem die Regionalflughäfen getroffen. Inzwischen gibt es „Erfolgsmeldungen“, dass für die eine oder andere Route in Münster, Friedrichshafen oder Dresden andere Airlines ihr Interesse bekundet haben. Dies sind durchgängig Airlines, die die Regionalflughäfen für touristische Angebote aus den Zielgebieten (zum Beispiel aus der Türkei oder von Mallorca) bedienen wollen, also für einzelne Flüge pro Woche zum turn-around vorbeikommen. Solche Angebote sind nicht nur für jeglichen Geschäftsreiseverkehr irrelevant, sondern sie bringen am Flughafen auch nur sehr geringe wirtschaftliche Impulse und Beschäftigungseffekte. mei

 

http://www.bruetzel.com/Page700.html

 

Persönlich: Der Luftfahrtexperte Professor Christoph Brützel war unter anderem Manager bei Lufthansa und LTU.

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