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Der Terror ist eine "Kommunikationsstrategie"

Herr Professor Bonacker, ist der Terror nach dem Anschlag in Berlin jetzt endgültig auch in Deutschland „angekommen“?

 

THORSTEN BONACKER: Deutschland war schon lange ein möglicher Ort für terroristische Anschläge. Im Prinzip gilt das für alle westlichen Länder, die aufgrund der weltpolitischen Lage und der Ideologie des IS ins Visier von Terroristen geraten können. Wir werden damit in den kommenden Jahren leben müssen. Zugleich ist nach wie vor unklar, wer die Verantwortung für den Anschlag hat. Wir bewegen uns hier nach wie vor im Reich der Spekulation.

 

Was wollen die Täter mit so einem Anschlag erreichen?

 

BONACKER: Terrorismus ist zuallererst eine Kommunikationsstrategie. Man sendet mit der Gewalt eine Botschaft und setzt diese als Mittel in einem politischen Konflikt ein. Die Gewalt dient sowohl der Mobilisierung von Anhängern als auch der Verunsicherung der Bevölkerung. Beim IS kommt hinzu, dass er die Radikalisierung der Gesellschaft vorantreiben will. Deshalb sind Reaktionen wie die der AfD und anderer Rechtspopulisten Wasser auf die Mühlen terroristischer Gruppen.

 

Sehen Sie bei solchen Anschlägen wie in Berlin einen bestimmten Tätertypus am Werk?

 

BONACKER: Da wir gegenwärtige nichts Belastbares über den oder die Täter des Anschlags in Berlin wissen, kann ich dazu nichts sagen. Offenbar spielt grundsätzlich eine Rolle, dass Täter in mehrfacher Hinsicht gesellschaftlich perspektivlos sind. Daran gilt es zu arbeiten und gesellschaftliche Anstrengungen zu unternehmen, dass eine Radikalisierung nicht stattfindet. Es scheint ja eher die Ausnahme zu sein, dass Täter schon mit der Absicht, einen Terroranschlag auszuüben, in westliche Länder reisen. Zu verhindern ist, dass sich geschlossene Milieus ausbilden, in denen sich Menschen wechselseitig in radikalen Ansichten bestätigen.

 

In Bezug auf den Terrorismus bekommt die Bevölkerung immer wieder zu hören, dass sie mit dem Terrorismus „leben muss“. Welche Mittel bleiben aber denn dem Staat, um potenzielle Täter abzuschrecken?

 

BONACKER: Abschreckung scheint mir hier nicht das richtige Konzept zu sein, denn wie wollen sie jemanden abschrecken, der letztlich bereit ist, sein eigenes Leben zu opfern. Die einzige Abschreckung bestünde darin, dass es unmöglich wird, solche Anschläge auszuführen. Und das ist mit der Idee freier und liberaler Gesellschaften oft nicht vereinbar. Sicherheitsbehörden arbeiten ja deshalb auch eher daran, potenzielle Täter möglichst früh zu identifizieren, um präventiv handeln zu können.

 

Welche Aufgaben fallen der Politik zu, um dem Terror Einhalt zu bieten?

 

BONACKER: Unmittelbar nach solchen Anschlägen ist es vor allem wichtig, keine Panik zu verbreiten und keine Ängste zu schüren. Das gilt auch für Parteien, die solche Attentate nicht instrumentalisieren sollten. Politiker sollten sich hier ihrer Verantwortung bewusst sein. Selbstverständlich müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um das Anschlagrisiko so gering wie möglich zu halten. Zugleich gilt es auch, die Freiheit unserer Gesellschaft, die immer auch mit einem gewissen Maß an Risiko und Unsicherheit verbunden ist, aufrechterhalten. Außenpolitisch muss versucht werden, die Konflikte, die mit diesen terroristischen Aktivitäten verbunden sind, zu lösen. Terrorismus ist niemals eine isolierte Tat, sondern immer verbunden mit politischen Konflikten. Westliche Außenpolitik muss in Zukunft stärker an der Lösung regionaler Probleme orientiert sein. Und sie muss langfristig angelegt sein und sich nicht an kurzfristigen Zielen orientieren.

 

Bekommen Parteien, wie zum Beispiel die AfD, Aufwind, wenn die Anschläge im Land um sich greifen?

 

BONACKER: Die AfD und andere rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppen haben im Moment aus verschiedenen Gründen einen gewissen Zulauf. Dieser wird auch wieder verebben, wenn bestimmte Themen wie die Aufnahme von Flüchtlingen nicht mehr so stark im Fokus der öffentlichen Diskussion stehen. Ich würde auch vermuten, dass akute Bedrohungslagen Menschen eher zögern lässt, sich Gruppen anzuschließen, die keine politische Erfahrung und Verantwortung haben. Denkzettelwahlen sind eigentlich nichts für Krisenzeiten.

 

Wie sollten sich die Bürger in Terrorzeiten verhalten?

 

BONACKER: Da hilft auch ein Blick in Länder, die in wesentlich höherem Maße von alltäglicher Gewalt betroffen sind. Auch dort gehen die Menschen ihrem Alltag nach. Im Vergleich zu bestimmten Regionen oder Städten in Ländern wie Irak, Afghanistan oder auch Nigeria sind wir hier in unserem Alltag eigentlich gar nicht von Terrorismus betroffen. Dieser ist in erster Linie ein Problem von Ländern mit hoher Gewaltrate (im Globalen Süden). Die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland Opfer eines Terroranschlages zu werden, ist verschwindend gering. Es macht also keinen Sinn, das eigene Verhalten zu ändern. Das sollten wir auch angesichts des Anschlags von Berlin nicht vergessen. mei

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