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Stadtplanung: Teilen statt besitzen als Prämisse - 1. Teil

Frau Holz, was ist in der Stadtplanung in den letzten Jahren in der Region falsch gelaufen? Und das sowohl in den Städten, als auch im ländlichen Raum?

 

BRIGITTE HOLZ: Im Ballungsraum der Metropolregion FrankfurtRheinMain (FRM) stellt der enorme Einwohnerzuwachs eine große Herausforderung dar. Wer hätte um die Jahrtausendwende gedacht, dass allein im Gebiet des Regionalverbands FRM bis zum Jahr 2030 166.000 neue Wohnungen benötigt werden? 

 

 

Was war dafür der Auslöser?

 

HOLZ: Doch nicht nur der Einwohnerzuwachs lässt die Wohnungsbedarfe in die Höhe schnellen, die Wohnfläche pro Person steigt kontinuierlich an, die Haushaltsgrößen verändern sich, die Anzahl an der Singlehaushalte nimmt zu und das Wohnungsangebot, das sich im Bestand, leider aber auch im Neubau viel zu häufig noch an der Wohnform einer Kleinfamilie mit Vater, Mutter und zwei Kindern orientiert, entspricht nicht den Bedarfen. 

 

Waren die Verantwortlichen in der Politik darauf vorbereitet?

 

HOLZ: Auf eine derart hohe und veränderte Nachfrage war kaum jemand vorbereitet, obwohl wir als Architekten und Stadtplaner bereits seit langer Zeit auf den Trend „Zurück in die Stadt“ und gesellschaftliche Veränderungen hinweisen. Noch immer wird im Wohnungsbau auf „Weiter wie gewohnt“ gesetzt. Zeitgemäße Wohnkonzepte werden mit dem unberechtigten Hinweis auf Geld und Zeit kaum realisiert. Hinzu kommt, dass nicht schnell genug Flächen für den Wohnungsbau aktiviert werden können. Haushaltsdefizite verleiteten Kommunen in der Vergangenheit immer wieder, ihre Grundstücke zum Höchstpreis zu veräußern. 

 

Mit welchen Folgen?

 

HOLZ: Es gibt Städte, die kaum eigene Liegenschaften besitzen, um Wohnungsbau zu betreiben. Viele Belegungsbindungen im sozial geförderten Wohnungsbau laufen aus und verschärfen den Druck auf das Marktsegment des bezahlbaren Wohnraums zusätzlich. Der große Nachfragedruck lässt die Baulandpreise steigen, so dass sich rentable Mieten oder Verkaufserlöse vielfach nur im hochpreisigen Marktsegment darstellen lassen. Gentrifizierung und Entmischung sind die Folge. 

 

Gibt es Vorbehalte der Bürger gegen neue Baugebiete?

 

HOLZ: Auch die Umsetzung von Planungen wird immer schwerer. Bürger stehen Veränderung vielfach mit Skepsis gegenüber. Sie haben das Vertrauen in eine „gute Zukunft“ verloren. Wir werben nicht umsonst für städtebauliche, hochbauliche und freiraumplanerische Wettbewerbe, die zeigen, dass Neubau mit Qualität gelingen kann. Planungswettbewerbe tragen entscheidend zur Akzeptanz von Vorhaben bei, insbesondere dann, wenn Bürger auch Zugang zu Preisgerichten haben. 

 

Und wie sieht die Situation im ländlichen Raum aus?

 

HOLZ: Einen einheitlichen ländlichen Raum gibt es in Hessen nicht. Richtig ist natürlich, dass sich die Situation in Mittel- und Nordhessen anders darstellt als in Südhessen. Die Herausforderungen sind nicht kleiner und die Entwicklungen vergleichbar bedenklich. Die Bundesstiftung Baukultur spricht insbesondere in kleineren Orten vom Donut-Effekt. Die Ortskerne veröden. An der Peripherie werden dennoch weiterhin Einfamilienhausgebiete entwickelt und neue Gewerbeflächen, in der Hoffnung auf Steuereinnahmen, ausgewiesen. 

 

Was macht den ländlichen Raum unattraktiv?

 

HOLZ: Ländlichere Regionen sind im ÖPNV sowie digital häufig zu schlecht erschlossen, um ihre Standortqualitäten entfalten zu können. Hinzu kommt, dass der Bevölkerungsschwund aufgrund des demografischen Wandels, aber auch aufgrund nicht vorhandener Arbeitsplätze die Lasten für die Daseinsvorsorge perspektivisch ansteigen lässt. 

 

Sind diese Fehler, die Sie in der Planung aufgezählt haben, wieder zu bereinigen?

 

HOLZ; Wir erleben in vielen Bereichen ein Umdenken: Das Land Hessen setzt sich für die Konzeptvergabe ein, um bei der Grundstücksvergabe statt des höchsten Preises die Qualität der Standortentwicklung in den Vordergrund zu rücken. Der Ankauf von Belegungsrechten wird gefördert, um Wohnungen, die aus der Preisbindung fallen, weiter als Sozialwohnung vermieten oder Wohnungen am Markt erstmals als Sozialwohnung anbieten zu können. Einzelne Kommunen engagieren sich für den Aufbau eines Liegenschaftsmanagements, um mehr Steuerungsmöglichkeiten zu erhalten. Ein fixer Anteil an sozial geförderten Wohnraum ist bei der Planung von Neubauquartieren in vielen Städten inzwischen Standard, um eine soziale Mischung sicherzustellen. Der Umbau von der autogerechten zur mobilitätsgerechten Stadt wird uns noch lange beschäftigen, bietet aber enorme Potenziale. Gelungene Beispiele, wie in Siegen zeigen, welche Aufenthaltsqualität ehemalige Stadtstraßen nach dem Umbau haben können. Durch Programme wie „Jung kauft alt“ gelingt es in anderen Bundesländern sehr erfolgreich, Leerstandsimmobilien im Zentrum ländlicher Gemeinden für das Wohnen zurückzugewinnen. 

 

Kann man aus diesen Erfahrungen lernen?

 

HOLZ: Die Beispiele zeigen, dass Fehlentwicklungen entgegengesteuert werden kann, wenn Sie so wollen, Fehler bereinigt werden können. Ich finde es wichtig, aus Erfahrungen zu lernen und daraus Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Die Evaluation von Planungsinstrumenten und gesetzlichen Bestimmungen für die Stadtplanung sollte selbstverständlich werden. Als Kammer setzen wir uns zum Beispiel für eine Fortschreibung der Baunutzungsverordnung BauNVO ein. Um den Außenbereich zu schützen und einer Zersiedelung entgegenzuwrken, müssen unsere Städte wieder dichter und kompakter werden. mei"

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