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Stadtplanung: Teilen statt besitzen als Prämisse - 2. Teil

Was muss geschehen, um das umzusetzen?

 

HOLZ: Das verlangt eine grundlegende Änderung der Gesetzgebung aus den 1960er Jahren. Die Baugebietskategorien und ihre Dichtewerte sind zu überdenken. Wenn man einen Blick auf die begehrten Wohnlagen in Gründerzeitquartieren wirft, erkennt man, dass eine „dreifache Innenentwicklung“ das heißt hohe bauliche Dichten, qualitätsvolle Freiräume und attraktive Mobilitätskonzepte, die das private Auto weniger notwendig machen, vereinbar sind. 

 

Wurden denn früher die Städte besser geplant?

 

 

 

HOLZ: Jede Planung ist ein Kind ihrer Zeit. Sie formuliert Antworten auf die jeweils aktuellen Herausforderungen, sie reflektiert auch Fehler der Vergangenheit. Gesellschaft steht nicht still. Lebens- und Arbeitsweisen ändern sich. Folglich verändern sich auch die Anforderungen an Gebäude, an den öffentlichen Raum und an die Infrastruktur. Die Dynamik, mit der der Wandel erfolgt, ist allerdings neu. Planung steht immer vor der Herausforderung, Entwicklungen vorauszudenken und Weichen für die Zukunft zu stellen. Ich würde nicht sagen, dass früher besser geplant wurde. Ich glaube allerdings, dass Planungsprozesse früher weniger komplex waren und heutige Planungen durch eine Vielzahl an Auflagen und Nachweisen, die zu erbringen oder DIN-Vorschriften, die zu berücksichtigen sind, aufwendiger zu erstellen sind und Zeit beanspruchen. Es ist Zeit, die wir eigentlich nicht haben. Wir sollten uns fragen, was zur Sicherstellung qualitätsvoller Planungen wirklich nötig ist. 

 

Und was muss jetzt in Sachen Stadtplanung getan werden?

 

HOLZ: Es gibt unendlich viel zu tun: Der Klimawandel erfordert Anpassung: mehr Grün, mehr Wasser in der Stadt, mehr Retentionsflächen, weniger Versiegelung. Wir müssen auf Starkregen und Überhitzung reagieren. Damit verbunden ist in der Regel die Erhöhung von Aufenthaltsqualität. 

 

Wie sieht es mit der Mobilität aus? Muss die bei der Städteplanung mitgedacht werden?

 

HOLZ: Das wachsende Verkehrsaufkommen bringt Straßen, Bus und Bahnen an ihre Grenzen. Luftverschmutzung, Lärm und hoher Flächenverbrauch beeinträchtigen die Lebens- und Umweltqualität. Wir brauchen eine Mobilitätswende, die intelligent alle Verkehrsmittel einbezieht und den Wechsel vom privaten PKW auf Bus, Bahn oder Fahrrad attraktiv macht. Die nordischen Länder zeigen, dass es geht. 

 

Wie muss also gebaut werden?

 

HOLZ: Wir müssen nachhaltig und zukunftsorientiert bauen. Nur ein Beispiel: Hessen zählt zu den waldreichsten Bundesländern Deutschlands. Moderner Holzbau hat hier jedoch keine Tradition. Dabei zählt Holz nicht nur zu den nachwachsenden Rohstoffen, sondern hat als einziger Baustoff die Eigenschaft, Kohlendioxid einzulagern, anstatt es bei der Produktion zu emittieren – ein wunderbarer Beitrag zum Klimaschutz.

 

Welche Rolle kommt hier der Politik zu?

 

HOLZ: „Wohnen für alle“ sollte zum zentralen Politikfeld erklärt werden, denn gute Wohnverhältnisse und ein funktionierendes Wohnumfeld sind wesentliche Voraussetzungen für den sozialen Frieden und den Zusammenhalt der Gesellschaft. Wir müssen uns über neue Standards im Wohnungsbau verständigen. Kompaktes Wohnen mit anpassungsfähigen Raumstrukturen, ein Wohnen, das sich auf das Essenzielle besinnt und reich an Atmosphäre ist – wäre wünschenswert. Wir brauchen mehr Vielfalt im Wohnungsbau. Neue Wohnformen, generationenübergreifend oder gemeinschaftlich orientiert, werden viel zu wenig realisiert. „Teilen statt besitzen“ ist Ausdruck eines neuen Konsumverhaltens. Es lässt sich auch auf neue Formen der Mischung in Wohnquartieren übertragen und bietet Chancen zur Förderung von Nachbarschaft. 

 

Wie sieht es mit den gewerblichen Flächen aus?

 

HOLZ: Die Digitalisierung wird neue Formen des Arbeitens und Produzierens erlauben. Wir sollten prüfen, wo Gewerbe sich wieder stadtverträglich integrieren lässt. Bildung ist das Kapital der Zukunft. Es sollte unser Interesse sein, bestehende Schulbauten zu sanieren, aber auch neuen Bildungskonzepten Raum zu geben. Wichtig erscheint mir, dass wir ein gemeinsames Verständnis dafür entwickeln, wie wir zukünftig leben und wie nachhaltig wir unsere Städte, unsere Freiräume und Gebäude gestalten wollen. Bei allen Herausforderungen sollten wir die Lust auf Zukunft nicht verlieren. Man muss etwas wagen, etwas wünschen, etwas wollen, um die Zukunft mit Leben zu füllen. Vielleicht müssen wir auch das Wagnis eingehen, Fehler zu begehen. Ohne Experimente mit dem Risiko des Irrtums wird es keine Weiterentwicklung geben.

 

Wie könnte man sich eine optimale (Stadt-)Planung, sowohl in Stadt und Land, vorstellen? 

 

HOLZ: 2007 haben die 27 in Europa für Stadtentwicklung zuständigen Ministerinnen und Minister die „Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt“ verabschiedet. Damit war ein Paradigmenwechsel verbunden: Weg von dem Leitbild der Trennung der Funktionen Wohnen, Arbeiten, Gewerbe, Freizeit hin zur kompakten, sozial und funktional gemischten Stadt. Dieser Grundsatz hat hohe Relevanz und bildet die Grundlage für viele integrierte Stadtentwicklungskonzepte. Mit dem Wissen von heute sollten wir die Leipzig-Charta fortschreiben.

 

Welchen Anforderungen müssen sich die Planer stellen?

 

HOLZ: Es genügt nicht, Planung zu kommunizieren, Planung selbst muss als Kommunikationsprozess verstanden und organisiert werden. Wir müssen uns auf offene, veränderbare Planungen einstellen, um Wandel und Anpassungsfähigkeit zu erlauben. mei

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