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"Strafzölle gegen China schaden auch uns"

Herr Scheuer, die USA und China sind im Dauer-Handelskonflikt. Müssen alle vor der chinesischen Wirtschaftsmacht Angst haben?

 

STEPHAN SCHEUER: Angst nicht, Respekt schon. China ist von einem Entwicklungsland innerhalb weniger Jahrzehnte zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen. Fast alle unsere Smartphones, Laptops oder Fernseher werden in China hergestellt. Von keinem anderen Land ist die deutsche Autoindustrie so abhängig wie von China. Wir sollten daher ein großes Interesse daran haben, dass die Wirtschaft der Volksrepublik auch weiter wächst.

 

 

Was macht China so stark?

 

SCHEUER: Die Volksrepublik war über viele Jahre wie eine Werkbank für Firmen aus Europa oder Nordamerika. Unternehmen lagerten ihre Produktion aus, um dort günstige Geräte herstellen zu lassen. Chinas Firmen haben die Phase genutzt, um sich gute Ideen abzuschauen. Jetzt steigen die Unternehmen zu echten Wettbewerben auf und fordern unsere Unternehmen heraus. Ihr großer Vorteil ist, dass sie einen Heimatmarkt mit 1,4 Milliarden Menschen im Rücken haben. Das ist einmalig in der Welt.

 

Sind Strafzölle das richtige Mittel, um China wirtschaftlich zu „bestrafen“?

 

SCHEUER: Nein. Unter Strafzöllen leiden auch wir. Es stimmt, dass Peking an einigen Stellen nicht fair spielt. Viele Branchen sind für ausländische Firmen in China tabu. Gleichzeitig haben chinesische Firmen in Europa einen ziemlich freien Zugang. Hier fehlt das Gleichgewicht. Brüssel vertritt uns in Handelsfragen. Diese Aufgabe sollte die EU-Kommission auch Wahrnehmen. Peking will freien Marktzugang für seine Firmen. Im Gegenzug sollte China auch freien für europäische Firmen bieten. Dazu laufen bereits Verhandlung im Rahmen eines bilateralen Investitionsschutzabkommens.

 

Wird Trumps Handelskrieg China in die Knie zwingen?

 

SCHEUER: Der US-Präsident hat China oft gedroht. Doch es ist nicht wirklich klar, was er genau von der chinesischen Führung verlangt. Ich bin mir sicher, dass beide Staaten einen Kompromiss finden werden. Wir in Deutschland sollten uns aber genau fragen, was dann passiert. Trump hat oft die deutschen Autobauer attackiert. Wer weiß, vielleicht folgen nach einer Einigung mit China US-Strafzölle auf deutsche Autos.

 

Ist Huawei wirklich so gefährlich, dass es von „5G“ ausgeschlossen werden muss?

 

SCHEUER: Der Echtzeitmobilfunk 5G soll als eine Art Turbo für die vernetzte Industrie funktionieren. Alles soll mit allem verknüpft werden. Wenn dann aber viele heikle Firmendaten transportiert werden, spielt Sicherheit eine besonders große Rolle. Huawei ist führend beim 5G-Produkten. Die Firma hat aber auch ihren Hauptsitz in der Volksrepublik und kann zur Zusammenarbeit mit Sicherheitsbehörden gezwungen werden. Ein pauschales Verbot von Huawei bei 5G-Ausbau würde trotzdem zu weit gehen. Es ist besser, die Produkte genau zu kontrollieren. Entsprechende Verfahren bereiten die Bundesnetzagentur und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik derzeit vor.

 

In welchen Branchen sehen Sie China heute als führende Wirtschaftsmacht?

 

SCHEUER: Chinas Digitalkonzerne gehören zu den innovativsten Firmen der Welt. Alibaba hat erst am Dienstag Jahreszahlen vorgelegt. Der Onlinehändler kommt auf 853 Milliarden Euro Handelsumsatz auf seinen Plattformen. Das ist drei Mal so viel wie Amazon. Und das entspricht dem hundertfachen Handelsvolumen von Zalando. Neben Alibaba dürften auch der Suchmaschinenbetreiber Baidu, mit einem ähnlichen Geschäftsmodell wie Google, sowie der Kommunikationskonzern Tencent, mit einem ähnlichen Ansatz wie Facebook, ihre globale Expansion vorantreiben.

 

Welche Entwicklung wird dann das Land nehmen?

 

SCHEUER: Alle Untergangspropheten haben falsch gelegen. Chinas Wirtschaft wächst und wächst. Das dürfte trotz aller Probleme, wie der großen Verschuldung, noch länger so weitergehen.

 

Wie sollten sich Europa und die USA vor China wappnen?

 

SCHEUER: Wie sollten uns nicht China gegenüber verschließen. Aber wir sollten eine faire Behandlung einfordern. Abschottung ist falsch. Aber die Firmen aus der Volksrepublik haben einen weitgehend freien Zugang in Europa. Unsere Firmen aber nicht in China. Diesen Zugang müssen wir einfordern. Und wir müssen bei der Expansion chinesische Konzern in Europa genau darauf achten, dass sie sich an alle Regeln halten – das gilt besonders für den Datenschutz. mei

 

Buchhinweis: Stephan Scheuer, Der Masterplan: Chinas Weg zur Hightech-Weltherrschaft, Herder-Verlag, München 2018, 208 Seiten, 22 Euro.

 

Personalie: Stephan Scheuer hat lange Jahre in China als dpa-Korrespondent gearbeitet. Heute ist er Redakteur beim Handelsblatt. 

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