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Die wilden Tiere sind zurück

Herr Eppler, der Wolf und der Luchs sind zurück in Hessens Wäldern. Was hat dazu geführt und können wir bald auch mit Bären im Taunus oder Odenwald rechnen?

 

GERHARD EPPLER: Die Rückkehr vieler Wildtiere verdanken wir dem Verbot der Bejagung beim Wolf und auch dem Abbau des schwer überwindlichen Eisernen Vorhangs. Die nun zurückkehrenden Arten sind also nicht Verlierer der Lebensraumveränderung gewesen, sondern ausschließlich der Bejagung. Mit dem Bär ist jedoch nicht zu rechnen. Er hat Deutschland noch nicht wieder erreicht, nachdem „Bruno“ geschossen wurde. Es gibt nur sehr wenige Tiere in den Alpen, so dass die Wahrscheinlichkeit einer Zuwanderung gering ist.

 

Beim Wolf sieht das anders aus.

 

EPPLER: Wölfe wandern von selbst nach Deutschland ein, aus Polen kommend. Seit dem Jahr 2000 leben wieder Wölfe in Deutschland. War der Nachweis des ersten Rudels in Sachsen noch eine Sensation, hat sich der Umgang mit dem neuen Nachbarn vielerorts normalisiert. Mittlerweile leben etwa 60 Rudel, 13 Paare und 3 residente Einzeltiere in Deutschlands freier Natur. In Hessen gibt es bisher noch kein Rudel.

 

Und wie sieht es beim Luchs aus?

 

EPPLER: Der Luchs war einst in ganz Europa verbreitet. Gejagt wurde er vor allem wegen seines kostbaren Pelzes und wegen seines Rufes als „Schädling“. Der Luchs ist sehr zaghaft in Ausbreitung. In Deutschland leben aktuell nur 77 und gehen auf Zuwanderung aus der Schweiz und Tschechien zurück. Ähnlich wie beim Wolf erwecken immer mal wieder in allen Landesteilen gemachte Beobachtungen den Eindruck, es gäbe viel mehr Tiere. Dies liegt auch an den riesigen Streifgebieten, die Luchs und Wolf haben. Die Reviergröße eines Luchskuders kann bis zu 400 Quadratkilometer betragen. Auch beim Wolf beträgt die Territoriumgröße einer Familie 250-350 Quadratkilometer.  Einzelne Tiere werden ab und zu auch in südlicheren Landesteilen gesehen, aber es gibt sicher nicht mehr als 10 Luchse in Hessen. Die wenigen (zugewanderten) Tiere in Hessen hatten das Problem, dass sie von der Fuchs-Räude dezimiert wurden.

 

Werden sich die Wildtiere auf Dauer bei uns wohlfühlen?

 

EPPLER: Eines Tages werden die Wölfe in Hessen wieder heimisch werden. Der Wolf ist nicht zwingend auf Wälder angewiesen, sondern kann auch in offener Kulturlandschaft leben. Da Straßenverkehr aber eine bedeutende Todesursache darstellt, hat der Wolf vermutlich in den waldreichen, dünn besiedelten Gebieten Hessens wie dem Taunus oder dem Odenwald die größten Überlebenschancen. Auch benötigen Wildtiere für die Jungenaufzucht ruhige, ungestörte Bereiche, die sie vor allem dort finden, wo wenige Menschen unterwegs sind.

 

Wie anpassungsfähig sind denn Wildtiere?

 

EPPLER: Der Wolf ist nicht zwingend auf Wälder angewiesen, sondern kann auch in offener Kulturlandschaft leben. Der Wolf ist nicht „scheu“, daher sind auch Beobachtungen von neugierigen Jungwölfen im Siedlungsbereich nicht überraschend. Er ist aber am Menschen nicht interessiert! Allerdings sind die Risiken (v.a. Autoverkehr) in den bewaldeten Landesteilen deutlich geringer. Auch benötigen Wildtiere (Wolf, Luchs) für die Jungenaufzucht ruhige, ungestörte Bereiche, die sie vor allem dort finden, wo wenige Menschen unterwegs sind. Ob er so lernfähig ist, dass er seltener an Straßen überfahren wird, ist zweifelhaft.

 

Welche Tiere sind noch heimisch geworden?

 

EPPLER: Biber kommen zum Beispiel auch mit begradigten und schmutzigen Gewässern zurecht: Ersteres, weil sie sich durch Dammbauten den Lebensraum selbst so verändern, dass er wieder natürlich wird. Und mit Gewässerverschmutzung, weil er als Vegetarier am unteren Ende der Nahrungskette steht, das heißt Giftstoffe reichern sich nicht über die Nahrungskette an, wie etwa beim Otter (Fischfresser). Vom Biber gab es zur Zeit des 2. Weltkrieges nach jahrhundertelanger Verfolgung noch etwa 200 Tiere an der Mittelelbe. Nach aktiven Wiederansiedlungsprojekten gibt es heute in Deutschland wieder über 20.000 Biber. In Hessen sind es nach einer Wiederansiedlung 1988/89 wieder 700 Tiere. Sie werden sich bis ins Bergland an allen Bächen wieder ausbreiten.

 

Was muss der Mensch, dafür tun, dass die Tiere bleiben?

 

EPPLER: Politisch ist im Zuge der Rückkehr von Wolf und Luchs die finanzielle Unterstützung der Weidetierhaltung beim Aufrüsten der Zäune und Aufklärung sehr wichtig. Der NABU versucht, dem Wolf vor allem durch Öffentlichkeitsarbeit und praktische Hilfe für Weidetierhalter den Weg zu bereiten.

 

Gibt es diese Unterstützung auch für den Biber?

 

EPPLER: Beim Biber entstehen Konflikte nun dadurch, dass die intensive Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten Ufergrundstücke über Drainagen trockengelegt hat und immer näher an die Gewässerkante herangerückt ist. Nun holt sich der Biber mit Überstauungen die Aue zurück. 

 

Sind Wildtiere gefährlich für Menschen?

 

EPPLER: Beim Wolf entstehen Konflikte durch Fehler bei der Tierhaltung. So waren im Odenwald die Weiden, auf denen Schafe gerissen wurden, nur auf drei Seiten eingezäunt. Die vierte Seite begrenzte ein Bach, der zwar die Schafe vorm Weglaufen hindert, jedoch nicht den Wolf am Eindringen. Der Anteil von Nutztieren an der Beute des Wolfs beträgt aber weniger als ein Prozent. In Hessen wurden in den letzten 5 Jahren 12 Schafe und eine Ziege gerissen. Die geringe Zahl gerissener Schafe fällt im Schafbetrieb gar nicht ins Gewicht: Nach einem ganz neuen Landtagsbericht sterben im Rahmen der üblichen Tierhaltung rund 15.000 Schafe und Ziegen allein in Hessen an Krankheiten.

 

Wie sieht es beim Luchs aus?

 

EPPLER: Heute wissen wir, der Luchs ist weder ein Schädling, noch wirkt sich seine Anwesenheit signifikant auf die Jagdstrecken einheimischer Wildarten aus. Konflikte sind außerordentlich gering, weil der Luchs fast nur Rehe reißt, die es in unseren Wäldern in sehr großer (aus forstwirtschaftlicher Sicht „zu großer“) Zahl gibt. Nutztierrisse sind eine absolute Ausnahme. 

 

Wie kann der Menschen. dabei helfen?

 

EPPLER: Wildtiere sind keine Kuscheltiere. Daher darf es auch auf keinen Fall Anfütterung (zum Beispiel um Fotos zu machen) geben. Erst dann kann ein Wolf zum Problem werden, weil das sein Interesse am Menschen weckt. Ansonsten ist der Wolf keine größere Gefahr als Wildschweine, die es ja zu Tausenden in den Wäldern gibt. Eine Beobachtung ist ein großes Glück, und wer sich bedroht fühlen sollte kann durch Rufe und Händeklatschen den Wolf in die Flucht treiben. Wenn es feste Wolfsansiedlungen gibt, empfiehlt es sich aber, den Hund an der Leine zu führen. Wenn er frei durch den Wald stöbert, könnte er vom Wolf als Konkurrent angesehen werden. Luchse sind unproblematisch.

 

Der Wolf steht bei den Jägern „hoch im Kurs“. Sollte der Wolf bejagt werden?

 

EPPLER: Leider gibt es hier viel Panikmache. Der Bestand an Wölfen in Deutschland wird künstlich hochgerechnet um die Notwendigkeit einer Bejagung zu begründen. Der Hintergedanke der Jäger bei der Forderung nach Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht als jagdbare Art ist leicht durchschaubar. Eine Aufnahme ins Jagdrecht macht keinen Sinn, weil dann bei den großen Revieren mit hunderten von Jagdrevierinhabern das Management organisiert werden müßte. Sollte ein verhaltensauffälliger Wolf geschossen werden müssen, so geht das auch mit einer Ausnahmegenehmigung des Naturschutzrechts problemlos. Dafür muss er nicht ins Jagdrecht.

 

Wie zeitgemäß ist noch das Jagdgesetz?

 

EPPLER: Im völlig antiquierten Bundesjagdgesetz sind nach wie vor bedrohte Arten wie Steinadler, Seeadler, Wildkatze, Luchs, Fischotter und Elch, Auerhuhn, Birkhuhn und Großtrappe, ja selbst schon ausgerottete Arten wie das Wisent.

Im Hessischen Jagdgesetz müsste die Möglichkeit des Abschusses von Katzen und Hunden abgeschafft werden, weil hier eine Verwechselungsgefahr mit Wildkatze und Wolf besteht. Das Problem ist vor allem beim Wolf, dass sich böswillige illegale Abschüsse immer mit der Verwechslung mit einem Hund rechtfertigen lassen, was dann meist zu Straffreiheit führt.

 

Welche (wilden) Tiere haben außer den genannten noch den Weg zu uns gefunden?

 

EPPLER: Neben Luchs und Wolf ist die Rückkehr des Bibers bemerkenswert. Auch der Schwarzstorch, der Uhu und der Wanderfalke hatten ein Comeback. Die Wildkatze kommt in Deutschland vor allem im Südwesten (Eifel, Hunsrück, Pfälzer Wald und Taunus) und im Nordosten (Harz, Solling, Hainich) vor. 

 

Was muss beim (hessischen) Naturschutz besser werden?

 

EPPLER: Hessen braucht mehr forstlich ungenutzten Naturwälder für Wildtiere: Naturwälder ohne forstliche Nutzung brauchen Wolf, Luchs und Wildkatze zwar nicht zwingend, aber sie können als ruhige Rückzugsgebiete für die Jungenaufzucht, in denen unter Umständen auch die Jagd generell eingestellt wird, dienen. So wird das Vorkommen des Luchses im Bayerischen Wald auch darauf zurückgeführt, dass in weiten Teilen des Nationalparks Bayerischer Wald die Jagd verboten ist. mei

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