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SPD: Zwischen Karriere und linker Politik

 

Es ist, als ob er schon immer da gewesen wäre. Für mich trifft das tatsächlich zu. Als ich 2008 in die SPD  eintrat, war er es, der mir mein Parteibuch bei einer Weihnachtsfeier feierlich übergab. Ich war damals 19 Jahre alt, der Jüngste im Raum. Grumbach, damals 56, der Zweitjüngste.

 

Dass der gebürtige Frankfurter die Klaviatur der politischen Finessen beherrscht, bewies er erst kürzlich. Es ging um eine Personalie, keine unwichtige. Ein neuer Bezirksvorsitzender sollte gewählt werden. Ein relativ junger Parteigenosse hatte sich für diese Position schon selbst via soziale Medien und einen Brief an die „Parteigenossen“ in Stellung gebracht. Das schien dem amtierende Bezirksvorsitzenden Grumbach nicht wirklich gut gefallen zu haben. Grumbach reagierte. Einen Tag vor der Wahl schlägt er einen Juso als seinen Nachfolger vor und verkündet im gleichen Moment, selbst nicht mehr zu kandidieren.

 

Ein geschicktes Manöver

 

Ein geschicktes Manöver von ihm, garniert mit einem Vorstandspaket, das fast alle Unterbezirke und Strömungen der Partei zufrieden stellte. Der ehrgeizige Parteigenosse, der vermutlich mit dem Bezirksvorsitz seine Bundestagskandidatur absichern wollte, staunte nicht schlecht, ob der Grumbach’schen Taktik.

 

Überzeugungstäter im besten Sinne

 

Sein Nachfolger, Kaweh Mansoori, ist der aktuelle Juso Landesvorsitzender. Wie Grumbach Jahrzehnte zuvor ebenfalls. Und er ist ebenfalls ein Überzeugungstäter im besten Sinne. Als Linker und GroKo-Gegner streitet Mansoori vehement für seine Ansichten, sehr oft auch mit mir, und ist dennoch niemand der spaltet. Er integriert, auch konservative Sozialdemokraten. 

Scharfzüngig in der Sache, ruhig sowie freundlich im Umgang. Noch so ein Wesenszug, den er mit Grumbach teilt. Und doch ist die Wahl Mansooris ein Kuriosum. Rückblick: Bei der letzten Landtagswahl wurden die aussichtsreichen Listenplätze streng nach Seniorität vergeben. Junge Kandidaten oder Großstädter, wie der junge Darmstädter Vorsitzende Tim Huss, Bijan Kaffenberger oder die Wiesbadener Kandidaten, wurden auf die hinteren Plätze verwiesen. 

 

Politikverständnis weicht oft von der Parteilinie ab

 

Auch Gernot Grumbachs Politikverständnis weicht oft von der Parteilinie ab. So stimmte er im SPD Bundesvorstand gegen die Agenda 2010 und war zusammen mit anderen Linksabweichlern wie Hilde Mattheis ein Kritiker des in seinen Worten „profillosen Mittekurses“. Seiner Ansicht nach, entfernt sich die Sozialdemokratie immer weiter von Ihrer Kernklientel und werde eines Tages deshalb auf die Nase fallen. Wie Recht er hatte.

 

Bekenntnis zum demokratischen Sozialismus

 

Mit seinem Habitus, seinem graumelierten Vollbart und seinem Bekenntnis zum demokratischen Sozialismus schien er oft wie aus der Zeit gefallen. Aber nicht nur Vollbärte sind heute wieder modern. Auch seine Politik ist vielleicht genau das, was die darbende Sozialdemokratie jetzt braucht. Vergleicht man die Auftritte des Interims Bundesvorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel mit Gernot Grumbachs Abschiedsrede, werden die Unterschiede schnell deutlich.

 

Debatten hinter verschlossenen Türen

 

Schäfer-Gümbel plädiert für ordentliche Gremienarbeit. Für Geschlossenheit, man dürfe die Vorschläge des Vorstandes und der Regierung nicht zerreden, besonders nicht in den sozialen Medien. TSG ist nicht eitel, er übt Selbstkritik und reflektiert, aber er will Debatten nicht öffentlich, sondern hinter verschlossenen Türen führen.

 

Sein Lebenswerk bleibt unvollendet

 

Grumbach stellt dagegen sein Thesenpapier vor und will explizit erst im Herbst darüber abstimmen lassen. Er will der Partei Zeit geben, Zeit zum debattieren. Für ihn ist Politik organisierte Streitkultur. Und aus dem Diskurs, so seine Dialektik, kann sich Großartiges ergeben. Er selbst führt die hessische Idee der Bürgerversicherung als Beispiel an. Die sozialökologische Wende, mit der er und Andrea Ypsilanti zunächst in Hessen die Wahlen fulminant gewannen, ist ein weiteres solches Beispiel. Und doch bleibt sein Lebenswerk unvollendet. Die Partei zehrt immer noch von seinen südhessischen Initiativen, freilich ohne sie Wirklichkeit werden zu lassen. In Hessen regiert seit zwei Jahrzehnten die CDU. Im Bund, die von ihm schon immer ungeliebte große Koalition.

 

Sie stehen immer auf der richtigen Seite

 

Gernot Grumbach ist einer, der gestern schon wusste, was heute wichtig ist. Und die anderen: Das sind die, die immer auf der richtigen Seite stehen. Mit ihren Aussagen stellen sie nie wirklich etwas in Frage. Sind das die Richtigen für die Zukunft der Partei? Oder eher Leute Leute wie Bernie Sanders und Ocazio-Cortez und Typen wie Gernot Grumbach und Kevin Kühnert?

Gernot Grumbach ist jetzt einmal mehr als Landtagsabgeordneter bestätigt worden. Auf seinen Rat und sein Wissen kann die Sozialdemokratie also weiter zählen. Sie kann ihn brauchen. Lino Leudesdorff (aufgezeichnet von mei)

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