Fall Relotius: Das Weglassen ist das Schlimmste

Im Interview mit dem Medienmagazin journalist zieht Fehrle Bilanz ihrer Arbeit. Sie sagt: "Meine Haltung zum Journalismus insgesamt ist kritischer geworden, insbesondere gegenüber dem sogenannten erzählerischen Journalismus."

 

Dem Spiegel, aber auch anderen Redaktionen empfiehlt Fehrle, sich wieder mehr auf investigative, sachliche, fachlich kenntnisreiche Berichterstattung zu konzentrieren. Kernaufgabe des Journalismus sei "nicht das literarische Schönschreiben", sagt Fehrle, sondern "die Aufklärung, die genaue Beobachtung von Ereignissen und ihre kritische Bewertung". 

 

 

Zahlreiche Fehlentwicklungen beim Spiegel

 

Ende Mai hatte die Kommission um Brigitte Fehrle ihren Bericht zusammen mit der Spiegel-Leitung vorgestellt. Der 17-seitige Bericht zeichnet den Fall Relotius im Detail nach und spricht zahlreiche Fehlentwicklungen beim Spiegel an. Aufgabe der Kommission sei es gewesen, eine "Analyse" vorzunehmen, so Fehrle. "Welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind, obliegt der Chefredaktion." 

 

Immer wieder Verfälschungen und Manipulationen

 

Die Kommission hat zwar keine Hinweise auf weitere Fälschungen beim Spiegel gefunden, wohl aber festgestellt, dass es immer wieder zu Verfälschungen und Manipulationen kommt, zum Beispiel durch Verdichtungen oder dem Zusammenziehen von Situationen. Dabei unterstreicht die Journalistin: "Die am Weitesten verbreitete Manipulation ist nicht das Hinzuerfinden, sondern das Weglassen."

 

Die Wirklichkeit ist immer widerborstig

 

Wer eine Reportage wie einen Film mit einer klaren Dramaturgie konstruiere, so Fehrle, "neige dazu, Dinge wegzulassen, zu glätten, zu formen, weil sie die Story oder den Erzählfluss stören. Die Wirklichkeit ist aber immer widerborstig." pm, ots