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Wenn die "1" vor dem Komma nicht für einen Referendarsplatz reicht

 „Doch der Nummerus Clausus für unsere Fächer ist derzeit sehr hoch, so dass wir, trotz guter Noten, keinen Platz bekommen“, schimpft Rosenkranz. Und das finden beide wirklich sehr schade, weil sie liebend gerne in Hessen bleiben würden. 

 

Aber zwei Jahre möchten beide nicht warten, um ihre Ausbildung abzuschließen. „Wir haben uns in Nordrhein-Westfalen um Referendarsplätze beworben und sofort auch bekommen“, erzählt Lörwald. Sie in Minden und ihre Kollegin Rosenkranz in Hamm. Was für beide die Situation noch dennoch paradox macht, ist der Umstand, dass beide schon an Frankfurter Schulen unterrichten. Pia Lörwald an der Bergius-Schule, einer Berufsschule in Sachsenhausen, und Paulina Rosenkranz an der Liebigschule, einem Gymnasium im Stadtteil Hausen. Hier unterrichten beide in den Fächern, die sie auch studierten, nämlich Deutsch, Englisch und Erdkunde. Angeblich eine Fächer-Kombination, die auf dem „Gymnasial-Markt“ nicht an erster Stelle nachgefragt werde. „Wir haben unsere Ausbildung nicht abgeschlossen, aber wir vertreten, ausgestattet mit befristeten Angestellten-Verträgen, verbeamtete Lehrer.“, sagt Rosenkranz und versteht dabei die hessische Schulwelt nicht mehr. 

 

Einen Blick ins Nachbarland werfen

 

Ihrer Ansicht sollte Hessens Schulverantwortliche einen Blick ins Nachbarland Nordrhein-Westfalen werfen. Hier gebe es ein zulassungsfreies und verkürztes Referendariat und weniger Prüfungen während dieser Ausbildungszeit. 

Hessens Kultusminister Alexander Lorz ist übrigens über die Situation der angehenden Lehrerin Lörwald informiert. In einer ausführlichen E-Mail hat sie auf ihr „Schicksal“ aufmerksam gemacht. „Ohne das zweite Staatsexamen sind wir absolut nichts wert und das Referendariat gehört als wesentlicher Bestandteil zur Ausbildung dazu“, schreibt sie dort. 

 

Einstellungswunsch nicht positiv beantworten

 

In seinem Antwortschreiben bedauert zwar Lorz die missliche Situation von Pia Lörwald, kann ihr aber aktuell nicht weiterhelfen. Auch nach einer umfassenden Prüfung durch Mitarbeiter des Ministeriums, könne er Pia Lörwalds Einstellungswunsch, 1. November 2018, nicht „positiv beantworten“.

 

Nicht nur die Examensnote gibt den Ausschlag

 

Im hessischen Kultusministerium verweist man dagegen auf die geltenden Regularien bei der Vergabe von Referendarsplätzen. Hier gebe nicht nur die Examensnote den Ausschlag, diese fließe lediglich zur Hälfte in den Ranglistenplatz der Studenten ein. Sogenannte Härtepunkte, hierzu zählt beispielsweise eine Schwerbehinderung, würden mit 15 Prozent und „Wartepunkte“ mit 35 Prozent in die Rangeliste mit einfließen, so Ministeriumssprecher Stefan Löwer. Unabhängig von diesen Kriterien könnte auch die gewählte Fächerkombination der Studenten das Warten auf einen Referendarsplatz in die Länge ziehen.

 

Deutsch und Geschichte sind problematische Fächer

 

Zu solchen problematischen Fächern zählten zum Beispiel „Deutsch und Geschichte“. Vor allem der Gymnasialbereich, so Löwer, sei hiervon in erster Linie betroffen Zum nächsten Einstellungstermin, das ist der 1. November, würden in Hessen rund 4800 Referendare ausgebildet. Auf Grund der aktuellen Situation und der gestiegenen Nachfrage nach Lehrern geht Löwer davon aus, dass in der kommenden Legislaturperiode noch 200 bis 300 neue Stellen bei den Referendaren geschaffen werden müssten. 

Dass Pia Lörwald und Paulina Rosenkranz ihre Ausbildung in Nordrhein-Westfalen fortsetzen wollen, kann Birgit Koch verstehen. „Sie sollten in dem Bundesland ihre Ausbildung fortsetzen, wo sie zeitnah einen Platz bekommen. Dann hat Hessen halt geloost“, so die Vorsitzende der hessischen Lehrergewerkschaft GEW. 

 

Land stellt nicht genügend Referendarsplätze zur Verfügung

 

Die Gewerkschafterin macht dem Land und dem Kultusministerium den Vorwurf, nicht genügend Referendarsplätze zur Verfügung zu stellen. „Wir bilden derzeit 2000 Lehrer jährlich aus, es müssten doppelt so viele sein“, so Kochs Rechnung. . Im Kultusministerium werde nicht mittel- und langfristig gedacht, sondern „maximal bis zum nächsten Schuljahr“, so Koch. 

Das sieht das Kulturministerium ganz anders. „Für den Lehrerbedarf ist vor allem entscheidend, wie viele Lehrkräfte jährlich ausscheiden und wie sich die Schülerzahlen in den kommenden Jahren entwickeln“, sagt Löwer und erklärt das Procedere der Behörde. So erstelle das Ministerium mit Hilfe von Daten des Statistischen Landesamtes Prognosen über die zu erwartenden Schülerzahlen und errechne unter Berücksichtigung der ausscheidenden Lehrkräfte den jährlichen Bedarf. 

Berücksichtigt würden dabei auch „politische Entscheidungen der aktuellen Landesregierung“ und andere Effekte, wie beispielsweise die Umstellung von G8 zu G9 an den Gymnasien. 

 

Angehende Lehrer als "mobile Reserve" einstellen

 

Da kurz- und mittelfristig der Bedarf an Grund-, Förderschul- und Berufsschullehrkräften auf dem momentanen Niveau bleiben werde, erhielten derzeit alle Bewerber in diesem Bereich einen Platz im Vorbereitungsdienst. Des Weiteren werde aufgrund eines zu erwartenden mittelfristig erhöhten Bedarfs von Haupt- und Realschul-Lehrkräften derzeit die Anzahl der Ausbildungsplätze in diesem Bereich erhöht, so Löwer. Gewerkschafterin Koch will es damit aber nicht bewenden lassen. Sie empfiehlt dem Kultusministerium, angehenden Lehrer, statt diese lange auf eine Stelle warten zu lassen, als „mobile Reserve“ einzustellen. Und zwar als Beamte. Und nicht mit befristeten Angestellten.-Verträgen abzuspeisen. mei

 

 

Info: Diese Lehrer werden gesucht

 

Zurzeit haben nach Angaben des hessischen Kultusministeriums Grund- und Förderschullehrkräfte sehr gute Einstellungschancen. Gute Chancen hätten ebenso Berufsschullehrkräfte in den Fachrichtungen Elektrotechnik, Metalltechnik, Informatik, Chemie-, Physik- und Biologietechnik (CHPB) sowie Sozialpädagogik. 

Bei den allgemeinbildenden Fächern an beruflichen Schulen sind vorrangig die Fächer Ethik, evangelische und katholische Religion, Physik, Mathematik gesucht. Einige Fachrichtungen, wie zum Beispiel Elektrotechnik und Metalltechnik, seien zudem für den Quereinstieg ins Referendariat geöffnet. 

Allgemein entschieden sich zu viele Studierende für das Lehramt an Gymnasien, so dass dort ein großes Angebot zur Verfügung stehe und derzeit dementsprechend niedrige Einstellungschancen vorliegen. Deutlich über dem Durchschnitt liegen hier die Chancen in den Fächern Kunst, Musik, Physik und Informatik, deutlich darunter in den Fächern Russisch, Italienisch, Deutsch und Geschichte. mei"

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