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Wie gefährlich ist der politische Islam?

Herr Biene, klären Sie uns auf. Was ist ein Salafist, was ein Dschihadist? Wo liegen die Unterschiede?

 

JANUSZ BIENE: Das ist keine triviale Frage, da Salafismus sowohl als religiöse Strömung im sunnitischen Islam, als auch als politische Bewegung verstanden werden kann. Deshalb wird zwischen sogenannten quietistischen Salafisten, die politischen Aktivismus ablehnen und lediglich salafistisch glauben, und politischen Salafisten, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen verändern wollen und dafür öffentlich agitieren, unterschieden. Dschihadisten erklären, dass gewaltloser Aktivismus falsch und terroristische Gewalt in Deutschland oder anderswo notwendig ist. Für diese Gruppen gilt, dass es sich um Randgruppen unter den Musliminnen und Muslimen in Deutschland handelt, die viel Aufmerksamkeit erlangen. 

 

Wie viele dieser Personen gibt es in Deutschland beziehungsweise in Hessen und der Rhein-Main-Region? 

 

BIENE: Die aktuelle Einschätzung der Verfassungsschutzbehörden geht bundesweit von mehr als 9000 Personen aus, die als politische Salafisten oder Dschihadisten bezeichnet werden können. Mehr als 900 Dschihadisten, Männer und Frauen, sind nach Syrien und Irak ausgereist, ein Drittel von Ihnen ist zurückgekehrt. Rund 145 von ihnen wurden getötet. 

 

... und in Hessen

 

BIENE: ... in Hessen wird seit Ende 2015 von konstant 1650 Personen ausgegangen, die salafistische Bestrebungen verfolgen. Die Metropolregion Rhein-Main ist sicherlich ein Zentrum salafistischen Aktivismus und dschihadistischer Rekrutierung. 

 

Welche Ideologie steckt hinter diesen beiden Strömungen?

 

BIENE: Salafisten und Dschihadisten behaupten die eine Wahrheit zu kennen, tatsächlich streiten sie sich aber über ideologische Fragen. Daher gibt es „die“ Ideologie nicht. In religiöser Hinsicht eint sie die fundamentalistische Behauptung, dass Koran und Sunna wortwörtlich zu verstehen sind. Ein Verständnis unter Zuhilfenahme des menschlichen Verstandes lehnen sie ab. Nicht-salafistischen Muslimen sprechen sie den „wahren“ Glauben ab. 

 

Wie agitieren diese Gruppen?

 

BIENE: Politische Salafisten und Dschihadisten behaupten außerdem gerne, dass Muslime aufgrund ihres Muslimseins weltweit unterdrückt und getötet würden. Obgleich es unbestreitbare Ungerechtigkeiten gibt, unter denen Menschen leiden, die sich unter anderem auch als Muslime verstehen, lässt sich diese Behauptung so nicht halten. Dennoch kann sie eine ungeheure Wucht entfalten und gerade junge Menschen begeistern. In politischer Hinsicht handelt es sich um extremistische Ideologien, die Menschen mittels religiöser Begründungen als ungleichwertig behaupten und sogar zu ihrer Ermordung aufrufen können. Religiöse Phrasen dienen sowohl als sozialer Kitt, als auch als handlungsleitende Prinzipien sowohl im politischen Salafismus als auch im Dschihadismus, sind aber nicht die Ursache für Radikalisierung oder Gewalt. 

 

Wurde diese islamischen Phänomene nach Deutschland „importiert“?

 

BIENE: Salafismus und Dschihadismus sind entgegen ihrer Behauptung, sich auf die ersten Muslime zu berufen, sehr moderne Phänomene. Erste Gruppen, die heute so bezeichnet werden, traten im Laufe des 20. Jahrhunderts im Nahen und Mittleren Osten sowie Nordafrika auf. Der historische Blick darf aber nicht davon ablenken, dass Salafismus und Dschihadismus in Deutschland vor allem „deutsch“ sind, in dem Sinne, dass die Entstehungsbedingungen für Radikalisierung in dieser Gesellschaft liegen und nicht einfach „importiert“ wurden. 

 

Welche „Zielgruppen“ fühlen sich von diesen Ideologien angesprochen?

 

BIENE: Grundsätzlich gilt, dass es Fälle von Radikalisierung von Menschen aus allen gesellschaftlichen Gruppen und Schichten gibt. Den einen Typ Mensch der sich angesprochen fühlt oder den einen Verlauf von Radikalisierung gibt es nicht. Allerdings fällt auf, dass insbesondere junge Menschen, die Sinn, Emotionalität und Gemeinschaft suchen, die rebellieren wollen und die sich exklusiv als Muslime verstehen und als Teil einer vermeintlichen Opfergemeinschaft der Muslime verstehen, sich besonders von solcher Propaganda ansprechen lassen. 

 

Wie sehen die Agitationsmethoden aus?

 

BIENE: Rekrutierung findet in Deutschland vor allem im Freundes- und Bekanntenkreis statt, teilweise auch in Familien. Ein wichtiger Faktor sind dabei emotionale Bindungen zu Vertrauenspersonen. Soziale Netzwerke im Internet oder Anwendungen auf dem Handy spielen eher eine verstärkende Rolle, wenn jemand sich bereits in oder am Rand der Szene befindet. Im Zuge der jüngsten Anschläge und Anschlagsversuche in Deutschland, scheinen die Attentäter von Dschihadisten aus dem Umfeld der Gruppe „Islamischer Staat“ Anweisungen erhalten zu haben.

 

Was bieten die Agitatoren für „Lösungen“ an?

 

BIENE: Grundsätzlich versuchen salafistische und dschihadistische Agitatoren junge Frauen und Männer, die sich in Konfliktsituationen befinden, die mit sich und der Welt unzufrieden sind, Diskriminierung ausgesetzt waren, anzusprechen und ihnen zu erklären, dass die Lösung für alle persönlichen und gesellschaftlichen Probleme im „wahren Glauben“ liegt. Wer salafistisch glaubt, wird alle Probleme los. Das kann auch für junge Leute, die vorher nicht muslimischen Glaubens waren, anziehend sein.

 

Was für Erwartungen werden bei den Menschen geweckt, wenn sie sich dem Salafismus oder Dschihadismus anschließen?

 

BIENE: Dies ist natürlich in jedem Einzelfall anders. Sich salafistischen oder dschihadistischen Kreisen anzuschließen, erlaubt jungen Menschen zum Beispiel zu provozieren, Aufmerksamkeit und Anerkennung von salafistischen Brüdern und Schwestern zu erhalten. Es erlaubt auch aus der als fremd oder gar feindlichen Umwelt zu flüchten und in strikten Vorschriften Sicherheit und Sinn zu finden.

 

Wie hoch schätzen Sie die Gefahrenlage durch diese Gruppierungen in Deutschland ein?

 

BIENE: Politischer Salafismus ist eine gesellschaftliche Herausforderung, da Normen und Werte vertreten werden, die die Gleichwertigkeit aller Menschen absprechen, Demokratie und gesellschaftliche Vielfalt ablehnen. In Harmonie mit Rechtspopulisten und Rechtsextremisten treiben Salafisten und Dschihadisten gesellschaftliche Polarisierung voran. Diesen Entwicklungen vorzubeugen ist wichtig, um ein friedliches Zusammenleben zu sichern. 

 

Wie gefährlich ist der Dschihadismus?

 

BIENE: Dschihadismus ist gleichzeitig eine gesellschaftliche und eine sicherheitspolitische Herausforderung. Die Entstehungsbedingungen für Radikalisierung finden sich in unserer Gesellschaft, die lassen sich abbauen. Menschen können durch Deradikalisierungsarbeit zum Ausstieg aus der dschihadistischen Szene bewegt werden. Gewaltbereiten Extremisten allerdings kommt man im Ernstfall nur mit polizeilichen Mitteln bei. Die Gefahr von Anschlägen scheint, angesichts der Ereignisse der letzten Monate, aktuell hoch zu sein. 

 

Was gibt es für Präventionsmaßnahmen, um den Einfluss dieser Gruppen einzuschränken?

 

BIENE: Entgegen der Wahrnehmung mancher Menschen, es werde nichts gegen Extremismus unternommen, muss festgehalten werden: Es gibt, gerade in Hessen, eine wachsende Anzahl von Angeboten im Bereich der Prävention, sowohl von staatlicher als auch von zivilgesellschaftlicher Seite. Natürlich braucht es mehr, doch wir sind auf dem richtigen Weg. 

 

... gibt es Beispiele?

 

BIENE: ... zu nennen sind zum Beispiel Projekte für Jugendliche, ganz gleich welchen Glaubens oder Herkunft, in denen sie gesellschaftliche Teilhabe erleben, Vielfalt akzeptieren und Toleranz lernen. Fortbildungen für Fachkräfte in Schule, Jugendarbeit und Flüchtlingsarbeit finden statt, um vorurteilsbewusste Haltungen zu fördern, Kompetenzen zur Konfliktlösung zu stärken und über Extremismus aufzuklären. Das fällt alles unter das Stichwort Demokratiearbeit, wie zum Beispiel im Rahmen von PRO Prävention im Kreis Offenbach stattfindet. Neben Schule und Jugendzentrum sind auch Migrantenselbstorganisationen, zum Beispiel Moscheevereine, wichtige Ansprechpartner in der Präventionsarbeit gegen Extremismus. Es gibt außerdem in Hessen das Angebot der Deradikalisierungsarbeit des Violence Prevention Network, in denen in Einzelfallarbeit daran gearbeitet wird, junge Menschen aus der selbstgewählten Flucht in die extremistische Szene zu lösen und für die demokratische Gesellschaft zurückzugewinnen. Neben diesen spezifischen Maßnahmen braucht es aber schließlich auch einen anderen öffentlichen Diskurs über religiös begründeten Extremismus: Weniger Ausgrenzung und Pauschalisierung täte der Debatte und dem gesellschaftlichen Zusammenleben gut. mei

 

Personalie: Janusz Biene ist Koordinator des Projekts "PRO Prävention - gegen (religiösen) Extremismus" im Kreis Offenbach.

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