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Die Bachelor-Studiengänge in der Kritik

Die Bilanz fällt durchwachsen aus. „Zwar war das Studium recht freizügig, aber die Seminare und Vorlesungen kreisten meines Erachtens thematisch tendenziell an der Oberfläche“. 

Muriel (28) hat an der Frankfurter Goethe Universität Wirtschaftswissenschaften studiert und mit einem „Bachelor“ abgeschlossen.

 

Dieses 6-semestrige Studium wird ihr in Erinnerung bleiben, als eine Zeit, in der sie zwar viele Themenbereiche kennengelernt, aber selten vertieft hat. Die Kritik am Bachelor-Studium, ist mittlerweile auch bei den Verantwortlichen angekommen. Das dreijährige Studium in Deutschland soll deshalb flexibler und besser werden. Entsprechende Reformvorschläge legten kürzlich die Kultusministerkonferenz (KMK) und die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) vor. Demnach sollen Hochschulen das Bachelor-Studium flexibler anlegen können und die Rolle der Noten soll in den ersten Semestern zurückgedrängt werden.

 

Den Stellenwert der Bachelorabschlüsse belegen die Zahlen

 

Welchen Stellenwert das Bachelor-Studium in Deutschland hat, belegen die Zahlen. So waren im Wintersemester 2014/2015  88,2 Prozent aller Studiengänge Bachelor- und Masterstudiengänge, im Bereich der Fachhochschulen lag der Anteil sogar bei 98,7 Prozent. Was es mit dem Bachelor-Studium auf sich hat, erklärt Professor Dieter Nittel, Bildungexperte an der Goethe-Universität in Frankfurt. „An deutschen Universitäten ist der BA Bachelor of Arts (B.A.) – das sind Absolventen der Sozial-, Erziehungs-, Kultur-, Religions- und Wirtschaftswissenschaften – sowie der Bachelor of Science (B.Sc.) (darunter werden die MINT-Rächer subsumiert, also Mathematik, Informatik, Natur- und Ingenieurwissenschaften) am häufigsten anzutreffen“, so Nittel.

 

Die Zeugnisnoten entsprechen denen der Schule

 

Die Absolventen bekämen nach dem Abschluss in der Regel eine B.A. Urkunde, ein B.A. Zeugnis und eventuell ein Diploma Supplement. Im letzteren sind beispielsweise die Kompetenzziele, die Inhalte des Studiums, Kompetenzprofile und die berufspraktische Nutzbarkeit enthalten. Das Zeugnisnoten werden wie aus dem aus der Schule bekannten Schema nummerisch auf einer Skala von „sehr gut“ bis „ungenügend“ ausgewiesen. Einen Vorteil des Bachelor-Studiums verortet Nittel zum Beispiel durch „stärkere Vorgaben“ der Universität. Damit sei eine „konstruktive Orientierung“ für die Studierenden, vor allem für solche, die mit der Freiheit der Universität nicht zurecht kommen, möglich.

 

Es studieren zu viele junge Menschen

 

Doch Nittel sieht auch nicht unerhebliche Nachteile beim Bachelor-Studium. Er nennt es die „Kontraproduktive Entwertung des Berufsausbildungssystems“ Der Erziehungswissenschaftler vertritt die These, dass in Deutschland mit der Einführung des Bachelor zu viele junge Menschen studieren. Darunter seien auch die, die lieber etwas Praktisches „tun“ wollten. „Die Studierendenzahlen steigen nicht zuletzt deshalb, weil es der bildungspolitische Mainstream so will. So heißt es landauf landab mehr Studenten, immer mehr Studenten, was aus erziehungswissenschaftlicher Sicht kontraproduktiv ist, da eine gute handwerklich ausgerichtete Berufsausbildung in vielen Fällen volkswirtschaftlich sinnvoller ist, als eine indifferent „abgerissenes“ Studium. Weitere Nachteile sieht Nittel unter anderem in der „Verschulung“ des Bachelor-Studiums und die „ständigen Prüfungen und Benotungen“. 

 

Den Studenten wird fast alles abgenommen

 

Matthias Staab ist Diplom-Ingenieur und Assistent der Geschäftsführung beim Usinger Unternehmen Pikatron. Vor Jahren hat er an der TU Darmstadt mitgeholfen, den Bachelor-Studiengang Mikro- und Feinwerktechnik zu etablieren. Den Stellenwert eines Bachelor-Abschlusses beschreibt er heute so. „Er ist in etwa vergleichbar mit dem früheren Vordiplom an Universitäten“, sagt er. Wer eine wissenschaftliche Karriere anstrebe käme deshalb um einen Master-Abschluss nach einem Bachelorstudium nicht herum. Damit möchte Staab den Bachelor-Absolventen nicht die Qualifikation absprechen, doch er weiß, dass er sich bei Einstellungen den Bewerber genau anschauen muss. Der Grund: Die Bachelorabschlüsse seien von Uni zu Uni inhaltlich oft zu unterschiedlich. Da lohne es sich, den Bewerber im Gespräch genauer anzuschauen. Prinzipiell hält Staab die Bachelor-Studiengänge für zu „verschult“ und deshalb „weg vom freien Denken“. Außerdem findet Staab, dass den Studenten in Bachelor-Studiengänge „fast alles abgenommen werde“. 

 

Der frühe Start ins Berufsleben gefällt nicht allen Arbeitgebern

 

Dass der Bachelor-Abschluss nicht mit den früheren Diplom vergleichbar ist, steht für Marcus Stolzenberger, Personalchef beim Personaldienstleister Amadeus Fire, fest. Der Personaler findet es aber positiv, dass der Berufseinstieg mit einem Bachelor-Abschluss in der Tasche relativ zügig erfolgen könne. Der frühe Start der Absolventen ins Berufsleben gefällt aber offenbar nicht allen Arbeitgebern. Nicht wenige Unternehmen wünschten sich „ältere und reifere“ Berufsstarter. Wer den Bachelor-Abschluss in der Tasche hat ist in der Regel zwischen 21 und 23 Jahre.

 

"Wir wollen Leute mit Sachverstand, aber keine Kompetenzmasken"

 

Bildungsforscher Nittel kennt die Diskussion um „unreife“ Absolventen. „Die potenziellen Absolventen erhalten deutlich früher als sonst üblich einen berufsqualifizierenden Abschluss. Für die Volkswirtschaft mag die Verbilligung von akademischer Berufsarbeit gut, wichtig und zukunftsweisend sein“, so Nittel. Für die Betroffenen erscheine die gleiche Tendenz unter Umständen als „Proletarisierung von Kopfarbeit“, sagt der Bildungsexperte und ergänzt: Die Absolventen strömten jünger auf den Arbeitsmarkt, 21-jährige Bachelor-Absolventen seien keine Seltenheit, aber diese versicherungstechnische Optimierung (Einzahlung in die Rentenkassen) provoziere bei Vertretern der Wirtschaft auch hin und wieder missmutige Reaktionen, etwa im Sinne von „wir wollen Leute mit Sachverstand, Fachwissen und Lebenserfahrung aber keine Kompetenzmasken“. mei

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