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Wenn die wilden Tiere wieder zurückkommen

Herr Norgall, der Wolf machte in diesem Sommer in der Region richtig „Karriere“. Glauben Sie an dessen Rückkehr? 

 

THOMAS NORGALL: Junge Wölfe, vor allem die jungen Rüden, entfernen sich regelmäßig mehrere hundert Kilometer vom elterlichen Rudel, um ein eigenes Revier zu gründen. In den letzten Jahren erreichten so mehrfach Wölfe unser Bundesland. Ein junges Männchen lebte mehre Jahre im Reinhardtswald nördlich von Kassel. Doch da sich dort kein Weibchen niederließ, kam es nicht zur Bildung eines Paares oder gar zur Fortpflanzung. Das Beispiel zeigt aber, dass die Ansiedlung grundsätzlich möglich ist. Das größte Problem dürfte für die Wölfe in Hessen das dichte Verkehrsnetz sein. Die beiden in diesem Jahr nachgewiesenen Wölfe lagen bezeichnenderweise tot an er Autobahn.

 

Wie erklären Sie sich, dass viele Tiere, wie zum Beispiel Luchs und Wildkatze, den Weg in ihre alte Heimat zurück finden?

 

NORGALL: Etliche Tierarten wurden als Schädlinge noch bis vor wenigen Jahrzehnten massiv verfolgt. Dazu gehörten Arten wie Wolf, Luchs oder Wildkatze, aber auch viele Vögel wie der Habicht oder der Graureiher. Nachdem sich die Einstellung geändert hat und wir nicht mehr von schädlichen Arten sprechen, haben sie heute wieder ein Chance und kehren zurück. In letzten Jahr durften wir uns auch über die ersten Nachweise des Fischotters freuen, der 50 Jahre lang in Hessen als ausgestorben galt. 

 

Was kann der Mensch tun, damit die Tiere hier heimisch werden?

 

NORGALL: Ganz wichtig ist, dass die Lebensräume der Arten in Ordnung sind und dass es einen funktionsfähigen Lebensraumverbund gibt. Nur wenn sich die Tiere möglichst gefahrlos innerhalb der Landschaft bewegen können, können sich stabile Populationen entwickeln. Außerdem sollten wir endlich aufhören von nützlichen und schädlichen Arten zu sprechen, denn alle Arten haben eine ökologische Funktion. Sie sind weder nützlich noch schädlich. Anders ausgedrückt: Der Amsel ist es ziemlich egal, ob ihr Nest vom Eichhörnchen, der Wildkatze, unserer Lieblingshauskatze oder der Elster ausgeräumt wird. Die Amseleltern werden sich furchtbar aufregen. Doch wir sollten endlich akzeptieren, dass die Vogelart Amsel auf solche Nesträuber eingestellt ist und deshalb nicht aussterben wird.

 

Was unternimmt der BUND um Lebensräume für die „neuen“ Wildtiere zu schaffen?

 

NORGALL: Wir bemühen uns vor allem um die Wiederherstellung des funktionsfähigen Lebensraumverbundes, denn keine Art kann überleben, wenn sie in Schutzgebieten quasi eingesperrt wird. Die Fachleute nennen so etwas Biotopverbund. Der BUND arbeit seit einigen Jahren in seinem Projekt „Rettungsnetz Wildkatze“ daran, den Wald-Biotopverbund für die Wildkatze herzustellen, in dem wir Wälder durch die Pflanzung von Sträuchern und Bäumen verbinden und so der Wildkatze und viele andere Arten Wanderkorridore schaffen. Eine tolle Erfolgsgeschichte ist auch das BUND Projekt „Grünen Bandes“, das erfreulicherweise von der Politik unterstützt wird. Unter dem Motto „vom Todesstreifen zur Lebenslinie“ soll aus dem ehemals verminten Grenzstreifen zwischen den beiden Teilen Deutschlands ein durchgängiges Schutzgebiet und ein Symbol des Lebens werden. Wichtig ist uns auch, dass wir in der Land- und Forstwirtschaft zu Arbeitsweisen kommen, die naturverträglich sind. Dabei sind der ökologische Landbau und die jetzt von den Grünen durchgesetzte Umstellung des Staatswaldes auf die naturnahe Bewirtschaftung nach der FSC-Richtlinie ganz wichtige Bausteine.

 

Welche Tierarten sehen Sie als echte Bereicherung?

 

NORGALL: Alle Arten, die früher bei uns heimisch waren, haben auch heute noch ein Lebensrecht bei uns und sind eine Bereicherung. Da lässt sich eigentlich keine weitere Unterscheidung treffen., denn alle Arten haben auch ihre spezifische ökologische Funktion. Doch der Biber hat sicherlich eine hervorgehobene Sonderstellung. Durch seine Biberburgen kann er Bäche aufstauen und so vielen anderen Arten einen Lebensraum schaffen. Wo solche Biberteiche erhalten bleiben können, setzt eine tolle Entwicklung ein und es siedeln sich Amphibien, Vögel und Libellen an. 

 

Jäger sehen das eine oder andere Raubtier als „Wettbewerber“ und fordern das Jagdrecht ein? 

 

NORGALL: Dieses Konkurrenzdenken sollte heute eigentlich überholt sein. Es gibt dafür weder eine wissenschaftliche noch eine moralische Herleitung. Ich treffe dieses Argument auch immer seltener und innerhalb unseres Arbeitskreises Hessenluchs arbeiten viele aktive Jägerinnen und Jäger mit und freuen sich über die Rückkehr von „Pinselohr“. Dort, wo Tiere auch heute noch Schäden machen, kann Jagd eine Möglichkeit sein, die Schäden zu minimieren. Doch die Regulation mit der Büchse ist gar nicht so einfach. So ist der Wald-Wild-Konflikt bis heute nicht gelöst, und Rehe und Hirsche verursachen trotz aller Anstrengungen der Jägerinnen und Jäger immer noch bedeutende Schäden an den Waldbäumen. Auch die als Folge des vermehrten Maisanbaus und der milden Winter rasant angewachsenen Wildschweinbestände lassen sich durch die Jagd bis heute nicht wie gewünscht reduzieren. Es gibt heute vermutlich mehr Wild in unserer Landschaft als in den früheren Jahrhunderten, so dass es auch keinen Grund für „Futterneid“ gibt. 

 

Welche Bedrohungen gehen von den „neuen Tierarten“ aus? 

 

NORGALL: Problematisch ist die Ansiedlung und Ausbreitung so genannter Neobiota, also von Tier- und Pflanzenarten, die eigentlich in anderen Kontinenten heimisch sind und sich nun bei uns ausbreiten. Solche Arten machen immer wieder große Probleme. Seit vielen Jahren wird in Deutschland die Bisamratte bekämpft, ein Nagetier, dass Anfang des letzten Jahrhunderts zur Pelzgewinnung aus Nordamerika eingeführt wurde, wegen seiner Lebensweise und seiner Wühltätigkeit aber nachhaltige und gefährliche Deichschäden, Uferab- und -einbrüche bis hin zu Einbrüchen gewässernaher Straßen und Deichaushöhlungen verursachen kann. Aufmerksam muss man sicher auch gegenüber dem Waschbären bleiben, denn es ist immer noch nicht klar, in welchem Umfang er Nester von Graureihern oder Schwarzstörchen plündert. Für viele Menschen ist aber seit einigen Jahren vor allem eine Pflanze ein großes Problem: Die Pollen des Beifußblättrigen Traubenkrauts, dass die Betroffenen unter seinem lateinischen Gattungsnamen Ambrosia kennen, löst schwere und gefährliche Allergien aus. Leider gibt es noch keine Technik, mit der man die Art bei uns wieder beseitigen könnte. Über andere Arten, wie die Nilgans, wird heftig gestritten. Wissenschaftlich belastbare Belege, dass sie andere Wasservögel verdrängt, gibt es nicht, doch wo die Art in den Städten die Liegewiesen verkotet, ruft sie natürlich Unmut hervor.

 

Der Biber wurde vor Jahren angesiedelt. Ist das eine praktikable Option, Wildtiere wieder anzusiedeln?

 

NORGALL: Die künstliche Wiederansiedlung ist das letzte Mittel, wenn man sonst keine Hoffnung mehr haben kann, dass die natürliche Wiederbesiedlung funktioniert. Wiederansiedlungsprojekte sind eigentlich sehr teuer und es sollte deshalb immer gut überlegt werden, ob nicht andere Naturschutzaufgaben das Geld dringender braucht. Die Wiederansiedlung des Bibers im hessischen Spessart erfolgte zu einer Zeit, als sich niemand vorstellen konnte, mit welcher Geschwindigkeit die Art sich von Bayern her ausbreiten würde, nachdem die wenigen vom BUND Bayern ausgesetzten Tiere dort erst einmal eine ausreichende Population aufgebaut hatten. Gelungene Wiederansiedlungen in jüngerer Zeit sind zum Beispiel die Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Alpen und die Wiederansiedlung des Luchses im Harz, um die sich besonders Landesjägerschaft in Niedersachsen verdient gemacht hat und die heute eine ganz wichtige Ursache für die Rückkehr des Luchses nach Hessen darstellt.

 

Welche Tierarten würden die Region noch bereichern?

 

NORGALL: Nach dem der Wanderfalke durch die Hilfe engagierter ehrenamtlicher Naturschützer heute sogar mitten im Stadtgebiet von Frankfurt mit etlichen Paaren brütet, könnte der Uhu die nächste Art sein, die auch bei uns den Sprung in die Stadt schafft. Als Brutfelsen eigenen sich wie beim Wanderfalken hohe Gebäude und die vielen Stadttauben und Kanninchen könnten eine ausreichende Nahrungsgrundlage darstellen. Wenn wir unsere Gewässer noch weiter renaturieren, wird auch der Eisvogel als Brutvogel häufiger. Wer dieses schöne Tier einmal selbst beobachten konnte, weiß warum es den Beinamen „fliegender Edelstein“ bekam. mei "

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