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Eine Militarisierung der amerikanischen Schulen dient niemand

Herr Hermisson, nach dem mörderischen Amoklauf in einer Highschool in Florida bringt die amerikanische Jugend ihre Wut auf die Straße. Präsident Trump empfing Schüler der betroffene Schule und forderte dabei die Bewaffnung von Lehrern. Wie hat die Öffentlichkeit in den USA auf diesen Trump-Auftritt reagiert? 

 

Hermisson: Empathie ist nicht die Stärke von Donald Trump, das kam bei diesem Treffen deutlich zum Ausdruck. Und sein Vorschlag, Lehrkräfte zu bewaffnen ist bereits von Lehrergewerkschaften als auch von vielen der betroffenen Schüler und Familien zurück gewiesen worden. Das ist auch nachvollziehbar. Die Aufgabe von Lehrern ist es, Schüler zu unterrichten. Für Sicherheit zu sorgen ist hingegen der Job von Sicherheitskräften und politischer Rahmensetzung. Eine Militarisierung der Schulen wird niemandem dienen, vor allem nicht der Sicherheit der Kinder. Dennoch kann es dazu kommen. Bei dieser Administration ist das nicht auszuschließen. 

 

Durch das Massaker ist eine Jugend-Bewegung in den USA entstanden. Was treibt diese an?

 

Hermisson: Das haben die Schüler selbst am Besten ausgedrückt: Wut, Angst, Frustration; das Gefühl, dass die Erwachsenen nicht in der Lage sind, sie zu beschützen und dass die Politiker, deren Verantwortung es wäre, für die Sicherheit der Kinder zu sorgen, stattdessen Wahlkampfspenden von der National Rifle Association annehmen.

 

Was hat die Jugendlichen geprägt?

 

Hermisson: Viele dieser Jugendlichen wurden geprägt von dem politisch angespannten Klima in den letzten Jahren. Sie haben die jüngsten Protestbewegungen wie „Black Lives Matter“ oder den „Women’s March“ mitbekommen. Und einige von den jetzt besonders aktiven Jugendlichen hatten ausgerechnet in den Stunden vor diesem Terroranschlag in der Schule über die Rolle von politischen Interessengruppen wie der NRA diskutiert, waren also politisch besonders sensibilisiert. 

 

Was sind die Ziele dieser Bewegung? 

 

Hermisson: Die Bewegung unterscheidet sich von anderen sozialen Protestbewegungen, weil sie für sehr klare Ziele stehen. Schüler fordern das Verbot von Sturmgewehren, dass Politiker keine Spenden mehr von der NRA annehmen, dass diejenigen, die sich dem verweigern, in den kommenden Kongresswahlen im Herbst abgestraft werden, und generell, dass die Politik sich ernsthaft der Sicherheit von Kindern und den Interessen der Bürger mehr verpflichtet fühlt als bestimmten Interessengruppen. 

 

Wird die Bewegung dauerhafter Bestandteil der amerikanischen Öffentlichkeit sein?

 

Hermisson: Das bedeutet nicht, dass diese Bewegung von Dauer oder erfolgreich sein wird. Es gab in den letzten Jahren zu viele dramatische Massaker in den USA, nach denen nichts passiert ist. Aber dass diese Bewegung von Jugendlichen und Überlebenden angeführt wird, verleiht ihr derzeit eine moralische Autorität und öffentliche Aufmerksamkeit, die zumindest eine neue Qualität hat. 

 

Emma Gonzales ist die Galionsfigur des Protests. Was zeichnet sie aus? 

 

Hermisson: Emma Gonzales ist eine rhetorisch sehr gewandte charismatische Rednerin. Aber viele Gesichter repräsentieren diesen Aufstand der Jugendlichen, Cameron Kasky, Ryan Deitsch und viele andere. Deren Stimmen sind wichtig, weil es für die Politik schwieriger ist, die Argumente von Überlebenden beiseite zu wischen, erst recht wenn dies Jugendliche sind. In einer bewegenden Debatte auf CNN beispielsweise haben Emma Gonzales und Cameron Kasky den republikanischen Senator Marco Rubio und die NRA Lobbyistin Dana Loesch hart konfrontiert und immer wieder kritisch nachgehakt. Das hätten viele Journalist so nicht hinbekommen. 

 

Warum ging die Öffentlichkeit in den USA nach anderen Massakern, wie zum Beispiel das in Las Vegas mit 58 ermordeten Menschen, schnell wieder zur Tagesordnung über?

 

Hermisson: Das hat zwei Gründe. Zum einen gab es nach jedem Attentat konzertierte Aktionen der Waffenlobby NRA und Politiker, strengere Waffengesetze zu delegitimieren. Und zum zweiten sind die Medien so schnelllebig geworden, dass fast jedes Thema nach wenigen Tagen schon wieder durch den nächsten Skandal, die nächste Kontroverse ersetzt wird. Und solche Anschläge sind auch emotional für viele Bürgerinnen und Bürger so belastend, dass sie gerne schnell verdrängt werden. Das hat es für die Befürworter von strengeren Waffengesetzen immer wieder schwer gemacht, sich langfristig Gehör zu verschaffen und politisch durchzusetzen. 

 

Wie stark ist der Einfluss der Waffenlobby auf die US-Politik? 

 

Hermisson: Im Wahlkampf 2016 hat die NRA 54 Millionen Dollar an Wahlkampfspenden ausgegeben, mehr als je zuvor, das allermeiste davon zur Unterstützung von Republikanern oder zur Demontage demokratischer Kandidaten. Ein relevanter Teil republikanischer Abgeordneter, aber auch einige Demokraten, hängen finanziell am Tropf der NRA oder haben Angst, eine politische Gegenkampagne der NRA nicht zu überstehen. 

 

Und wie ist der Rückhalt der NRA in der Bevölkerung?

 

Hermisson: Das steht im deutlichen Gegensatz zur Meinung der meisten Amerikaner. Zwei Drittel aller Bürger befürworten strengere Waffengesetze, vor allem ein Verbot von Sturmgewehren. Das sind deutlich höhere Anteile als noch vor zwei Jahren. Interessanterweise ist dabei vor allem bei weißen Männern und Wählern ohne College-Abschluss ein Sinneswandel zu verzeichnen. Sogar 50 Prozent der Waffenbesitzer in den USA befürworten strengere Regelungen. Die amerikanische Gesellschaft ist hier viel weiter als die Politik, vor allem die republikanische. 

 

Zur Person: Bastian Hermisson ist Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington, DC. Zuvor leitete er das Büro Brüssel und das Transatlantik-Referat der Stiftung und verantwortete als Referent den Themenbereich Außen- und Sicherheitspolitik. Vor seiner Tätigkeit in Berlin leitete er das Programm Transatlantische Beziehungen der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington, DC. Hermisson studierte Ethnologie und Geographie in Berlin, Freiburg und dem Connecticut College, New London (USA). mei"

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