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Historiker warnt vor einen kontinentalen Protektionismus

"Solange Großbritannien Mitglied der Europäischen Union war, konnten die Bundesrepublik Deutschland, die Niederlande und andere Länder, die haushaltspolitisch besonders soliden Staaten, sich immer darauf verlassen, dass sie sich, wenn es um Fragen der Wettbewerbs- oder Ordnungspolitik ging, auf Großbritannien verlassen konnten. Nun wird es in Zukunft für eher protektionistisch gestimmte Mitgliedstaaten sehr viel leichter, die währungs- und wirtschaftspolitisch stabilen Staaten in einen Minderheitsstatus zu versetzen", sagte Winkler dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

 

Die Sperrminorität des sogenannten D-Mark-Blocks innerhalb der EU gebe es nicht mehr. "Das ist eine tiefe Zäsur". Der Verfasser des vierbändigen Werkes "Die Geschichte des Westens" übte zugleich scharfe Kritik am britischen Premier Boris Johnson. Dass dieser das britische Parlament fünf Wochen in Urlaub schickte, habe mit parlamentarischer Streitkultur "nichts mehr zu tun. So kann man in einem Notstand agieren. Aber das, was Johnson macht, ist ein selbst herbeigeführter Notstand, und insofern trägt er auch die Verantwortung für die Folgen."

 

USA und Großbritannien sind keine überzeugende Beispiele 

 

Die beiden klassischen westlichen Demokratien, die Vereinigten Staaten von Amerika und das Vereinigte Königreich, seien derzeit keine besonders überzeugenden Beispiele für die Überlegenheit der repräsentativen Demokratie und des politischen Pluralismus, so Winkler weiter. Trump und Johnson stützten sich auf ein breites populistisches Ressentiment in der Bevölkerung. Populistien spielten sich heute "als Gralshüter der Demokratie" auf. "Sie vergessen nur, dass Demokratie mehr ist als Mehrheitsherrschaft, nämlich die Beachtung von Spielregeln, von Checks and Balances, von Gewaltenteilung und Streitkultur, was eben auch die Rechte der Opposition einschließt." Er sei sich jedoch sicher, "dass die möglichweise nur kurzlebige Regierung unter Boris Johnson nicht das Ende der parlamentarischen Demokratie in Großbritannien bildet." 

 

Die SPD darf nicht nach links rücken

 

Unterdessen warnt Winkler die SPD vor einem Linksruck. "Sozialdemokratische Parteien sind in vielen Ländern in der Krise, und nach meiner Einschätzung wäre es ein Irrweg zu glauben, man könne durch einen forcierten Linksruck aus der Krise herausfinden. Man würde sich dadurch noch mehr in eine Minderheitenrolle hineinbewegen", sagte Winkler dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

 

 Wahlen werden in der Mitte gewonnen

 

Ihre großen Erfolge habe die deutsche Sozialdemokratie immer dann errungen, "wenn es ihr gelungen ist, große Teile der politischen Mitte von ihren Forderungen zu überzeugen". Winkler ist selbst Mitglied der SPD. Seine Partei müsse versuchen, "neben denen, die auf Sozialleistungen des Staates angewiesen sind, diejenigen für sich zu gewinnen, die von solchen Maßnahmen staatlicher Sozialpolitik nicht profitieren, die aber wissen, dass ein funktionierender Sozialstaat notwendig ist für den Zusammenhalt der Gesellschaft und die Stabilität der Demokratie. Das heißt, der alte Satz, dass Wahlen in der Mitte gewonnen werden, gilt immer noch, auch für die Bundesrepublik Deutschland".

 

Winkler ist emeritierter Professor der Humboldt-Universität in Berlin. Soeben ist sein Buch "Werte und Mächte" im Verlag C.H. Beck erschienen. pm, ots

 

English version

 

The historian Heinrich August Winkler predicts negative consequences for the EU after Britain's withdrawal. There is a danger of continental protectionism. "As long as Great Britain was a member of the European Union, the Federal Republic of Germany, the Netherlands and other countries that were particularly sound in budgetary terms could always rely on Great Britain when it came to questions of competition or regulatory policy. In future, it will be much easier for member states with a more protectionist stance to put the states with stable monetary and economic policies in a minority position," Winkler told the Kölner Stadt-Anzeiger.

 

The blocking minority of the so-called D-Mark block within the EU no longer exists. "This is a deep caesura. The author of the four-volume work "The History of the West" also sharply criticized British Prime Minister Boris Johnson. The fact that he sent the British parliament on holiday for five weeks had nothing to do with the parliamentary culture of dispute. This is how one can act in a state of emergency. But what Johnson is doing is a self-inflicted state of emergency, and to that extent he also bears responsibility for the consequences.

 

USA and Great Britain are not convincing examples 

 

The two classic Western democracies, the United States of America and the United Kingdom, are currently not particularly convincing examples of the superiority of representative democracy and political pluralism, Winkler continued. Trump and Johnson rely on a broad populist resentment among the population. Populists today acted as "guardians of the Grail of democracy". "They only forget that democracy is more than majority rule, namely the observance of rules of the game, checks and balances, separation of powers, and a culture of conflict, which also includes the rights of the opposition. But he is certain that "the possibly short-lived government under Boris Johnson will not be the end of parliamentary democracy in Britain". 

 

The SPD must not move to the left

 

Meanwhile, Winkler warns the SPD against a shift to the left. "Social democratic parties are in crisis in many countries, and in my opinion it would be a mistake to believe that a forced shift to the left could help us find our way out of the crisis. This would move us even further into a minority role," Winkler told the "Kölner Stadt-Anzeiger".

 

 Elections are won in the middle

 

German Social Democracy has always achieved its great successes "when it has succeeded in convincing large sections of the political centre of its demands". Winkler himself is a member of the SPD. His party must try, "alongside those who depend on state social benefits, to win over those who do not benefit from such measures of state social policy, but who know that a functioning welfare state is necessary for the cohesion of society and the stability of democracy. This means that the old saying that elections are won in the middle still applies, even to the Federal Republic of Germany.

 

Winkler is Professor Emeritus of the Humboldt University in Berlin. His book "Werte und Mächte" has just been published by C.H. Beck. pm, ots, mei

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