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Rüstungsexporte: Das einträgliche Geschäft mit dem Tod

 

Herr Schwoerer, Konfliktherde gibt es an vielen Orten in der Welt. Am Waffenexport ist Europa im großen beteiligt. An wen liefert Europa Waffen?

 

THOMAS CARL SCHWOERER: Europa als drittgrößter Rüstungsexporteur der Welt liefert Waffen leider in so gut wie alle Konfliktregionen. Rechtsverbindliche europäische Regeln werden dabei ignoriert. 

Welche Rolle spielt dabei Deutschland?

SCHWOERER: Unser Land ist seit vielen Jahren Europameister im Geschäft mit dem Tod und trotz seiner Geschichte weltweit der fünftgrößte Rüstungsexporteur. Ein Drittel von Deutschlands Waffenexporten geht in die Krisenregion Nahost/Nordafrika - an erster Stelle Algerien, wo gerade Massendemonstrationen stattfanden. Im ersten Halbjahr 2019 genehmigte die Bundesregierung Exporte in Höhe von rund einer Milliarde Euro an Staaten, die völkerrechtswidrig im Jemen Krieg führen, einschließlich Saudi-Arabien, trotz des Exportstopps gegen das Land. 

 

Wie sieht das konkret aus?

 

SCHWOERER: Berichten zufolge kommen Kriegsschiffe deutscher Herkunft vor den Küsten des Jemen sowie Kleinwaffen deutscher Konstruktion und Kampfflugzeuge mit deutschen Teilen dort zum Einsatz. Die Türkei wiederum setzt deutsche Leopard-Kampfpanzer in ihrem Angriffskrieg gegen die syrischen Kurden ein. Frau Kampf-Karrenbauer  behauptet, dass die deutschen  Exportrichtlinien zu streng seien im europäischen Vergleich und verwässert werden müssten. 

 

Stimmt das?

 

SCHWOERER: Das stimmt nicht. Seit 2008 verbieten die Regeln des Europäischen Rates Exporte in Kriegs- und Krisenregionen und an menschrechtsverletzende Staaten. Das trifft auf Saudi-Arabien zu, das Krieg im Jemen führt und diesen bestialischen Mord verübt hat. Es gilt auch für die Vereinigten Emirate, die die Bundesregierung beliefern will, obwohl die Emirate südjemenitische Separatisten in ihrem Kampf gegen die jemenitische Regierung unterstützen. Wir fordern, dass diese rechtlich verbindlichen Regeln eingehalten werden. 

 

Welche Motivation steckt hinter diesen Waffenlieferungen?

 

SCHWOERER: Kanzlerin Merkel setzt auf Waffenlieferungen als Mittel des politischen Einflusses. Denn anders als Soldaten, deren Tod politische Rückschläge für die Kanzlerin bedeuten würde, sind Waffen ja nur Maschinen, die nicht sterben können. Außerdem gibt Frau Kampf-Karrenbauer vor, Arbeitsplätze durch Rüstungsexporte zu retten. Aber Arbeitsplätze werden dadurch kaum gesichert. Nur 0,2 Prozent der Beschäftigten arbeiten in der Rüstungsindustrie, und Investitionen schaffen im zivilen Bereich deutlich mehr Arbeitsplätze als dort, wo die Produktivität besonders hoch ist. Die Rüstungsproduktion kann also aus beschäftigungspolitischer Sicht problemlos in nicht-militärische Industrien umgewandelt werden. 

 

Was bewirken solche Waffenlieferungen? Beenden diese Konflikte oder verlängern Sie diese? 

 

SCHWOERER: Waffen an Kriegsparteien zu liefern, ist wie Öl ins Feuer zu gießen. Sie verlängern den Krieg nur und geraten unweigerlich über kurz oder lang in die falschen Hände. Z.B. stammen die Waffen des IS größtenteils aus den USA, Russland und Deutschland und wurden von der irakischen und syrischen Armee gestohlen. Wer Waffen sät, wird Flüchtlinge ernten.

 

Finden Sie, dass dem Rüstungsexport genügend Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gewidmet wird? 

 

SCHWOERER: Derzeit steht die Klimapolitik im Vordergrund. Dabei gehören beide Themen zusammen: Krieg ist der Klima-Killer Nummer eins, und Kriegsgeräte verbrauchen enorme Mengen an Treibstoff und Energie, ihre Produktion und Einsatz setzen unendlich viel Kohlendioxyd frei. Immerhin berichten mehrere Journalist*innen über das Thema. Den ARD-Spielfilm "Meister des Todes" haben rund fünf Millionen Zuschauer*innen gesehen. 

 

Was schließen Sie daraus?

 

SCHWOERER: Auch deshalb ist eine klare Mehrheit der Bevölkerung gegen Rüstungsexporte zum Beispiel nach Saudi-Arabien. Am Weltfriedenstag fand eine Kundgebung in Neu-Isenburg vor der Hugenottenhalle statt, auf der unter anderem der Bürgermeister für den Frieden Herbert Hunkel, Kirchenvertreter und ich gesprochen haben. Kirchen ließen um 18 Uhr die Glocken als Zeichen gegen europäische Rüstungsexporte läuten.

 

Was sind Ihre Forderungen an die Rüstungsexportländer?

 

Wir schließen uns dem Europäischen Parlament an, das im November letzten Jahres die europäische Praxis der Rüstungsexporte verurteilte und die Einhaltung besagter Regeln des Europäischen Rates sowie ein EU-Waffenembargo gegen alle Mitglieder der von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition im Jemen fordert. Deutschland muss ein umfassendes und unbefristetes Rüstungsexportverbot gegenüber allen Mitgliedern dieser Militärkoalition verhängen, solange diese am bewaffneten Konflikt beteiligt sind oder die Gefahr besteht, dass deutsche Rüstungsgüter zu Menschen- und Völkerrechtsverletzungen im Jemen beitragen. Dieses darf keine Ausnahmen für Komponentenlieferungen im Rahmen europäischer Gemeinschaftsprojekte und bereits erteilte Exportgenehmigungen zulassen. mei

 

English version

 

An interview with Thomas Carl Schwoerer, spokesman for the German Peace Society - United Opponents of Military Service, on German arms exports to crisis regions around the world and the Federal Government's inaction.

 

Mr. Schwoerer, there are trouble spots in many parts of the world. Europe is largely involved in arms exports. To whom does Europe supply weapons?

 

THOMAS CARL SCHWOERER: As the world's third largest arms exporter, Europe unfortunately supplies arms to virtually all conflict regions. Legally binding European rules are ignored. 

 

What role does Germany play in this?

 

SCHWOERER: For many years, our country has been the European champion in the death business and, despite its history, the world's fifth largest arms exporter. A third of Germany's arms exports go to the Middle East/North Africa crisis region - first and foremost Algeria, where mass demonstrations have just taken place. In the first half of 2019, the German government approved exports amounting to around one billion euros to states waging war in Yemen contrary to international law, including Saudi Arabia, despite the export stop against the country. 

 

What does this look like in concrete terms?

 

SCHWOERER: According to reports, warships of German origin off the coast of Yemen as well as small arms of German construction and fighter planes with German parts are deployed there. Turkey in turn uses German Leopard tanks in its war of aggression against the Syrian Kurds. Mrs. Kampf-Karrenbauer claims that the German export guidelines are too strict in European comparison and must be watered down. 

 

Is that true?

 

SCHWOERER: That's not true. Since 2008, the rules of the European Council have banned exports to war and crisis regions and to countries that violate human rights. This applies to Saudi Arabia, which is waging war in Yemen and committed this bestial murder. It also applies to the United Emirates, which wants to supply the Federal Government, although the Emirates support South Yemeni separatists in their fight against the Yemeni government. We demand that these legally binding rules be respected. 

 

What is the motivation behind these arms shipments?

 

SCHWOERER: Chancellor Merkel relies on arms supplies as a means of political influence. Because unlike soldiers whose deaths would mean political setbacks for the Chancellor, weapons are only machines that cannot die. Mrs Kampf-Karrenbauer also claims to save jobs by exporting arms. But jobs are hardly safeguarded as a result. Only 0.2 per cent of employees work in the arms industry, and investments create significantly more jobs in the civilian sector than in areas where productivity is particularly high. From the point of view of employment policy, arms production can therefore be easily converted into non-military industries. 

 

What are the effects of such arms supplies? Do you end or prolong these conflicts? 

 

SCHWOERER: Delivering weapons to warring parties is like pouring oil on fire. They only prolong the war and inevitably fall into the wrong hands sooner or later. For example, most of the IS weapons come from the USA, Russia and Germany and have been stolen by the Iraqi and Syrian armies. Those who sow weapons will harvest refugees.

 

Do you think that sufficient public attention is being paid to arms exports? 

 

SCHWOERER: Climate policy is currently in the foreground. Both topics belong together: War is the climate killer number one, and war equipment consumes enormous amounts of fuel and energy, their production and use release an infinite amount of carbon dioxide. After all, several journalists* are reporting on the subject. The ARD feature film "Master of Death" was watched by around five million viewers*. 

 

What do you conclude from this?

 

SCHWOERER: That's another reason why a clear majority of the population is against arms exports to Saudi Arabia, for example. On World Peace Day, a rally took place in Neu-Isenburg in front of the Hugenottenhalle, where the Mayor for Peace, Herbert Hunkel, church representatives and I spoke. Churches rang the bells at 6 p.m. as a sign against European arms exports.

 

What are your demands on the arms exporting countries?

 

We join the European Parliament in condemning the European practice of arms exports in November last year and in calling for compliance with these European Council rules and an EU arms embargo against all members of the Saudi led military coalition in Yemen. Germany must impose a comprehensive and indefinite arms export ban on all members of this military coalition as long as they are involved in the armed conflict or there is a danger that German arms will contribute to human rights and international law violations in Yemen. This must not allow any exceptions for component supplies within the framework of European joint projects and export licences already granted. mei 

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