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Das kann die EU gegen die wachsenden Migrationsströme tun

Die Migration nach Europa hält weiter an. Seit der Flüchtlingskrise 2015 hat sich der Druck auf die EU und ihre am stärksten betroffenen Mitgliedstaaten erhöht, Maßnahmen zur Eindämmung der Einwanderung aus Entwicklungsländern zu ergreifen.

 

Reiner Klingholz, ehem. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, macht darauf aufmerksam, dass die Gründe für Migration vielfältig sind und sich nur schwer oder nur langfristig beeinflussen lassen. Sie reichten von Bevölkerungswachstum über ein Wohlstands- und Sicherheitsgefälle, über funktionierende Migrantennetzwerke, Konflikte und politische Unsicherheit bis hin zu Umweltfaktoren wie Wassermangel oder Klimawandel. Unterm Strich habe Europa wenig Möglichkeiten, mittelfristig Flucht- oder Migrationsursachen zu bekämpfen. Nötig sei eine langfristige Strategie, die die Lebensbedingungen vor Ort verbessere.

 

Felix Braunsdorf, Friedrich-Ebert-Stiftung, unterstreicht, dass neben einer Verbesserung der Lebensverhältnisse in ärmeren Ländern mit entwicklungspolitischen Projekten auch die Auswirkungen europäischer Politik untersucht werden sollten. Hier seien die politischen Hebel wesentlich länger.

 

Christian Müller, Jacobs University, Bremen, nennt drei Gründe für Migration: Krieg und Vertreibung, gesellschaftliche Instabilität und ökonomische Deprivation. Die Erfahrungen Deutschlands in den vergangenen 80 Jahren mit zwei der drei Gründe biete seiner Ansicht nach trotz des weitgehenden Scheiterns der Bekämpfung von innerdeutschen Migrationsursachen mögliche Lehren für eine erfolgreiche Migrationspolitik und zeige vor allen Dingen, welche Fehler zu vermeiden seien.

 

Panu Poutvaara, Ifo-Institut, schlägt temporäre Arbeitsvisa als Lösung für irreguläre Zuwanderung vor. Der Verkauf temporärer Arbeitsvisa könnte auch geringqualifizierten Wirtschaftsmigranten einen legalen und sicheren Weg nach Europa ermöglichen, ohne das europäische Wohlfahrtssystem zu untergraben. Zudem ziele das Instrument darauf ab, Leben zu retten und das Geschäftsmodell krimineller Schmugglernetzwerke zu zerschlagen. Und die überschüssigen Einnahmen aus dem Verkauf temporärer Arbeitsvisa könnten, nach der Deckung von Verwaltungskosten, zur Förderung der Herkunftsländer genutzt werden.

 

Thieß Petersen, Bertelsmann Stiftung, sieht die Notwendigkeit – auch im wohlverstandenen Eigeninteresse der entwickelten Volkswirtschaften –, dass in den Entwicklungs- und Schwellenländern eine leistungsfähige Wirtschaftsstruktur etabliert wird. Das Ziel sollte dabei aber nicht die Verhinderung von Migration sein – alternde Volkswirtschaften wie Deutschland brauchten Zuwanderung –, sondern die unsichere und irreguläre Wanderung so weit wie möglich zu verhindern.

 

Claas Schneiderheinze und Rainer Thiele, Institut für Weltwirtschaft, Kiel, stellen die Frage, ob Entwicklungshilfe den Migrationsdruck mindern kann. Sie verweisen auf das Hauptergebnis aktueller empirischer Studien, die einen negativen Zusammenhang zwischen Entwicklungshilfe und Migration nachweisen, wenn sich die Entwicklungshilfe auf die Verbesserung öffentlicher Dienstleistungen konzentriert. Dies lege den Schluss nahe, dass Politiker in den Geberländern eine Aufstockung der Entwicklungshilfe zu Recht als mögliches Instrument zur Verringerung der Migration ansehen.

 

Nach Ansicht von Kai Gehring, Universität Zürich, genügt Entwicklungshilfe allein nicht, sondern Priorität sollte vielmehr die Konfliktvermeidung haben. Auch die Unterstützung von Nachbarländern, die Flüchtende aufnehmen, sei von entscheidender Bedeutung für die Stabilisierung und Eindämmung von Konflikten. pm, ifo

 

English version

 

Migration to Europe continues. Since the refugee crisis of 2015, pressure has increased on the EU and its most affected Member States to take measures to curb immigration from developing countries. Scientists analyze the situation. 

 

Reiner Klingholz, former Berlin Institute for Population and Development, points out that the reasons for migration are manifold and can only be influenced with difficulty or in the long term. They ranged from population growth, prosperity and security disparities, functioning migrant networks, conflicts and political insecurity to environmental factors such as water shortages and climate change. The bottom line is that Europe has few opportunities to combat the causes of flight or migration in the medium term. What was needed was a long-term strategy to improve local living conditions.

 

Felix Braunsdorf, Friedrich-Ebert-Stiftung, emphasises that in addition to improving living conditions in poorer countries, development policy projects should also examine the effects of European policy. Here the political levers are much longer.

 

Christian Müller, Jacobs University, Bremen, cites three reasons for migration: war and expulsion, social instability and economic deprivation. In his opinion, Germany's experience over the past 80 years with two of the three reasons offers possible lessons for a successful migration policy and above all shows which mistakes should be avoided.

 

Panu Poutvaara, Ifo-Institut, proposes temporary work visas as a solution for irregular immigration. The sale of temporary work visas could provide even low-skilled economic migrants with a legal and secure route to Europe without undermining the European welfare system. In addition, the instrument aims to save lives and smash the business model of criminal smuggling networks. And the surplus revenue from the sale of temporary work visas could be used, after covering administrative costs, to promote the countries of origin.

 

Thieß Petersen, Bertelsmann Stiftung, sees the need - also in the well-understood self-interest of the developed economies - for an efficient economic structure to be established in developing and emerging countries. However, the aim should not be to prevent migration - aging economies like Germany needed immigration - but to prevent insecure and irregular migration as far as possible.

 

Claas Schneiderheinze and Rainer Thiele, Kiel Institute for the World Economy, ask whether development aid can reduce the pressure of migration. They refer to the main findings of recent empirical studies which show a negative correlation between development aid and migration when development aid is focused on improving public services. This suggests that politicians in donor countries rightly see an increase in development aid as a possible instrument for reducing migration.

 

According to Kai Gehring, University of Zurich, development aid alone is not enough, but conflict prevention should be a priority. Support for neighbouring countries hosting refugees is also crucial for stabilising and containing conflicts. pm, ifo, mei

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