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"Der gefährlichste Mann im Leben einer Frau ist ihr Partner"

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Das Zuhause als Tatort
Kapitel Gewalt gegen Frauen - Analyse des Kriminologen Christian Pfeiffer.
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So wurden im Jahr 2018 genau 421 Fälle von Mord/Tötungen (hier wurde die „Versuche“ miteinbezogen) mit Frauen als Opfer polizeilich registriert. Weitere Statistiken stellen fest, dass jede vierte Frau schon Gewalt in Partnerschaften erfahren hat. In Lateinamerika, Spanien und Italien finden deshalb regelmäßig Massendemonstrationen gegen Femizide statt. 

 

Wie der renommierte Kriminologe Christian Pfeiffer feststellt, ist der gefährlichste Mann im Leben einer Frau Ihr Ehemann oder ihr fester Partner. Befragungen zeigten, dass Frauen in ihrer Familie oder in ihrem häuslichen Umfeld erheblich häufiger Tätlichkeiten ausgesetzt seien als am Arbeitsplatz, auf der Straße, in Gaststätten oder sonstigen Bereichen des öffentlichen Lebens, so Pfeiffer weiter. Der Kriminologe verweist darüber hinaus auf eine Langzeitstudie, die belege, dass in den Jahren 1987 bis 1991 Frauen zu Hause fast 13 Mal häufiger Opfer körperlicher Gewalt geworden sind als außerhalb ihres häuslichen Umfeldes. 19 Jahre später habe dieses „innerfamiliäre Gewaltrisiko der Frauen“ das „Außenfeld“ von Familie und Haushalt „nur noch“ um das Dreifache überstiegen.

 

Die Frauen werden selbstbewusster

 

Pfeiffer führt das darauf zurück, dass sich immer mehr Frauen von der früheren Rolle des „Heimchens am Herd“ freimachten. Je selbstbewusster sie geworden seien, desto stärker habe sich auch ihr Freizeitverhalten geändert. Frauen gestalteten ihre Freizeit zunehmend außerhalb des Hauses. „Dies erfordert das Inkaufnehmen größerer Risiken. Im Ergebnis geraten sie dadurch erheblich häufiger in Situationen, in denen sie außerhalb von Familie und Haushalt tätlich angegriffen werden“, sagt Pfeiffer.

 

Partnerschaften und Familien haben Konfliktpotenzial

 

Der Kriminologe Dirk Baier von der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften hat sich mit den Ursachen der Gewalt gegen Frauen beschäftigt. Für ihn haben Partnerschaften und Familien generell immer Konfliktpotenzial. Diese könnten je nach Temperament der involvierten Personen schnell eskalieren. „Aus meiner Sicht lassen sich Gewaltvorfälle in Partnerschaften daher einerseits auf fehlende Selbstkontroll- und Konfliktlösefähigkeiten zurückführen. Andererseits spielt in der Regel Alkoholkonsum eine Rolle. Das heißt, Übergriffe werden dann wahrscheinlicher, wenn die Beteiligten Alkohol konsumiert haben“, sagt Baier. 

 

Männer begreifen Trennung als Gesichtsverlust

 

Zusätzlich gebe es aber auch noch ein kulturelles Element: Wenn insbesondere Männer der Ansicht seien, dass Frauen eine Art Eigentum darstellten, sie die Frauen deshalb stark kontrollierten, dann könne es, wenn Trennungen im Raum stehen, zu „Übergriffen“ kommen. Solche Männer würden die Trennung als Gesichtsverlust wahrnehmen. Und um die eigene Ehre sowie die Ehre der Familie wiederherzustellen, werde versucht, die Frau zu töten. 

 

Einen bestimmten Tätertypus gibt es nicht

 

Einen bestimmten Tätertypus will Baier bei diesen Gewaltdelikten nicht festmachen. Gewalt habe in Partnerschaften viele Ursachen, deshalb gebe auch es nicht den einen typischen Täter. Baier weist darauf hin, dass es bei diesen Gewalttaten auch 20 Prozent weibliche Täter gebe. „Man kann nicht sagen, dass nur Migranten als Täter in Erscheinung treten, dass sich solche Vorfälle nur in niedrigen Sozialschichten abspielen. Häusliche Gewalt ist in allen Bevölkerungsgruppen zu finden und ein Problem“, so Baier und verweist dabei auf unterschiedliche Stadien der Häuslichen Gewalt. Es beginne beispielsweise mit Kontrollverhalten (Handy) und gehe über verbale Beleidigungen bis hin zu körperlichen Angriffen zu letztlich schwerer Gewalt. 

 

Typische Häusliche Gewalt ist nicht die tödliche Gewalt

 

Die typische häusliche Gewalt, sagt Baier, sei nicht die tödliche Gewalt. Wenn die Dynamik aber nicht gestoppt werde und nicht rechtzeitig Polizei oder Beratungsstellen einbezogen würden, dann könne Häusliche Gewalt „zu den Ergebnissen führen, die aus der Medienberichterstattung bekannt sind“. Was Baier in diesem Zusammenhang Sorgen macht, sei die zunehmende „Macho-Orientierung“ unter Jugendlichen. „Junge Männer scheinen Schwierigkeiten zu haben, eine Geschlechtsidentität zu entwickeln und orientieren sich an eigentlich überholten Männlichkeitsvorstellungen von Macht und Dominanz“, so Baier. 

 

Frauen töten, um sich zu befreien - Männer töten, um zu besitzen

 

Für den Kriminologen Pfeiffer ist das Phänomen, weshalb Frauen fünf Mal häufiger von ihrem Mann getötet werden als dies umgekehrt geschieht nicht leicht zu erklären. Er zitiert deshalb in diesem Zusammenhang die Psychologie-Professorin Elisabeth Müller-Luckmann, die über Jahrzehnte hinweg als Gutachterin an vielen Strafverfahren, wenn es um innerfamiliäre Tötungsdelikte ging, mitgewirkt hat. Sie stellte die folgende These auf: „Die wenigen Frauen, die ihren Partner töten, tun das meist, um sich für immer von ihm zu befreien. Die vielen Männer, die ihre Frau umbringen, möchten diese dagegen für immer besitzen“. mei

 

English version

 

Feminicides are often described or played down as "relationship deeds" or "family dramas". Finally, the brutal murder of a woman in Limburg shook the republic. The husband, who was separated from her, had first run the woman over with a car and then killed her with an axe.

 

Such femicides are not isolated cases in Germany. In 2018, exactly 421 cases of murder/killing (including "attempts") with women as victims were registered by the police. Further statistics show that every fourth woman has already experienced violence in partnerships. Mass demonstrations against femicides therefore take place regularly in Latin America, Spain and Italy. 

 

As the renowned criminologist Christian Pfeiffer notes, the most dangerous man in a woman's life is her husband or steady partner. Surveys have shown that women are much more likely to be exposed to violence in their family or domestic environment than at work, on the street, in restaurants or in other areas of public life, Pfeiffer continues. In addition, the criminologist refers to a long-term study which shows that between 1987 and 1991 women were almost 13 times more victims of physical violence at home than outside their home environment. 19 years later, this "intra-family risk of violence by women" had "only" tripled the "outer field" of family and household.

 

Women become more self-confident

 

Pfeiffer attributes this to the fact that more and more women were freeing themselves from the former role of the "cricket on the stove". The more self-confident they have become, the more their leisure behaviour has changed. Women increasingly spend their leisure time outside the home. "This requires the acceptance of greater risks. As a result, they find themselves in situations in which they are physically attacked outside the family and household much more frequently," says Pfeiffer.

 

Partnerships and families have potential for conflict

 

Criminologist Dirk Baier of the Zurich University of Applied Sciences has studied the causes of violence against women. For him, partnerships and families in general always have potential for conflict. Depending on the temperament of the people involved, these could quickly escalate. "From my point of view, violent incidents in partnerships can therefore be attributed to a lack of self-control and conflict resolution skills. On the other hand, alcohol consumption usually plays a role. This means that assaults are more likely if the parties involved have consumed alcohol," says Baier. 

 

Men understand separation as loss of face

 

In addition, there is another cultural element: if men in particular are of the opinion that women are a kind of property, and they therefore strongly control women, then "assaults" can occur when divisions are present. Such men would perceive the separation as a loss of face. And in order to restore one's own honour as well as the honour of the family, attempts are made to kill the woman. 

 

There is no particular type of perpetrator

 

Baier does not want to identify a particular type of perpetrator in these violent crimes. Violence has many causes in partnerships, therefore there is not even the one typical perpetrator. Baier points out that there are also 20 per cent female perpetrators of these acts of violence. "One cannot say that only migrants appear as perpetrators, that such incidents only take place in low social classes. Domestic violence can be found in all population groups and is a problem," says Baier, referring to different stages of domestic violence. It begins, for example, with control behaviour (mobile phone) and ranges from verbal insults to physical attacks to ultimately severe violence. 

 

Typical domestic violence is not fatal violence

 

The typical domestic violence, says Baier, is not the deadly violence. But if the dynamic is not stopped and the police or counselling centres are not involved in good time, then domestic violence can "lead to the results known from media coverage". What worries Baier in this context is the increasing "macho orientation" among young people. "Young men seem to have difficulties in developing a gender identity and are guided by outdated ideas of masculinity of power and dominance," said Baier. 

 

Women kill to free themselves - Men kill to possess

 

For the criminologist Pfeiffer, the phenomenon is why women are killed five times more often by their husbands than the other way around, which is not easy to explain. He therefore quotes in this context the psychology professor Elisabeth Müller-Luckmann, who for decades has been involved as an expert in many criminal proceedings involving homicide offences within the family. She put forward the following thesis: "The few women who kill their partner usually do so in order to free themselves from him forever. The many men who kill their wives, on the other hand, want to possess them forever". mei

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