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AfD-Studie: Legenden und Botschaften für die eigenen Anhänger

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Dokumentation: AfD-Studie Deutschland
Grafiken und Tabellen zur AfD-Studie "Wie es um Deutschland wirklich steht".
AfD-Fraktion im Hessischen Landtag - Wie
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Herr Hafeneger, die AfD hat eine Studie über die „schlimmen Zustände“ in Deutschland vorgelegt. Ist diese Ihrer Ansicht nach überhaupt eine wissenschaftliche Studie? 

 

BENNO HAFENEGER: Die AfD hat eine 127 Seiten umfassende Hochglanzbroschüre mit dem Titel „Wie es um Deutschland wirklich steht“ vorgelegt. Es ist keine wissenschaftliche Studie, die auf der Basis einer selbst durchgeführten Untersuchung oder mittels einer vergebenen Auftragsforschung erstellt wurde. Es ist eine Sammlung von über 100 Tabellen aus anderen Studien, aus Statistiken, der Presse und Antworten aus parlamentarischen Anfragen entnommen, die hier zusammenhangslos abgedruckt wurden.

 

Wie ist die Studie unter empirischen Gesichtspunkten zu betrachten?

 

HAFENEGER: Es ist keine empirische - das heißt methodisch ausgewiesene -  Arbeit im wissenschaftlichen Sinne, sondern eine interessengeleitete Datensammlung. Diese aus anderen Quellen und durchweg aus Zusammenhängen beliebig herausgegriffenen Daten und Statistiken wurden dann mit zehn Überschriften versehen.

 

Welche Erkenntnisse vermittelt die Studie?

 

HAFENEGER: Es sollen ja „Fakten statt Fake News“ – so der Untertitel – angeboten und mit einem „Faktencheck“ vermittelt werden, in welchem katastrophalen Zustand sich die Republik befindet. Dazu dienen dann die beliebig ausgewählten Tabellen, die ein durchweg negatives Bild der Republik zeichnen. Das gilt für Soziales und die Rente, für Migration, Bildung, Digitalisierung, Energie und Umwelt, Finanzen und Steuern, Innere Sicherheit, Medien und Verteidigung.

Mit dem missbräuchlichen Begriff „Studie“ will die Sammlung vermeintliche Seriosität vortäuschen und als Beleg für die angeblich „wirkliche Realität“ der Republik dienen. Es werden angebliche Eindeutigkeiten und Klarheiten über den Zustand der Republik angeboten; differenzierte Hinweise, unterschiedliche Positionen und abwägende Einordnungen sucht man vergebens. Dies gehört nicht zum Wahrnehmungshorizont hermetischen Denkens.

 

Gibt es Fehler in der Studie?

 

HAFENEGER: Ja, es gibt zahlreiche Fehler und verkürzte Darstellungen aus komplexen empirischen Befunden. Das gilt für die negative Bewertung im Zusammenleben mit Migranten, den pessimistischen Blick in die Zukunft; dann für die Rente, weil die Rentensysteme von Ländern sehr unterschiedlich sind. Das gilt weiter für die Behauptung, dass sich nur wenige Migranten in den Arbeitsmarkt integrieren,  dass die Kinder von Migranten dem Staat mehr wert sind als deutsche Kinder, dass Migration die Wohnungsnot verschlimmern würde, oder das die Scharia in Hessen angekommen wäre. Und immer wieder sind es falsche Zahlen und Behauptungen zur negativen Bevölkerungsentwicklung und mehrfach zur Kriminalität, dem Anteil von Straf- und Gewalttaten, die angeblich von „Nichtdeutschen“, Migranten und Flüchtlingen ausgehen würden.

 

Welchen Zweck soll die Studie Ihrer Ansicht nach für die AfD erfüllen?

 

HAFENEGER: Nach der AfD befindet sich die Republik im Untergang, hat die „Merkel-Regierung Deutschland in den Abgrund gestürzt“. Es werden Gefahren beschworen und ein Szenario angeboten, nach denen die Republik in den Abgrund driftet und das „System“ angeblich in allen Bereichen abgewirtschaftet hat. Diese Diagnose und Proklamation von Krisen gehört zu ihrer Strategie des emotionalen Negative Campaining, die Republik, deren Verfasstheit und Parteien, die politischen Eliten und Institutionen der repräsentativen Demokratie schlecht zu machen und zu reden. Solche Legenden und Botschaften sollen das eigene Lager und Anhänger*innen mobilisieren und im Kampf gegen „das System“ mit angeblichen „Fakten“ versorgen. Die AfD und das Lager braucht essenziell solche Mobilisierungen, mit denen sie sich zugleich als „Alternative“ anbietet. Die vorgelegte Sammlung, die Kernthemen der AfD aufnimmt, bedient mit aggressiver Rhetorik diese Weltsicht und dieses Bedürfnis. mei

 

English version

 

The Hessian AfD has published a study on what it considers to be the worst conditions in Germany. The Marburg extremism researcher, Benno Hafeneger, analyses the AfD study in an interview.

 

Mr. Hafeneger, the AfD has published a study on the "bad conditions" in Germany. In your opinion, is this a scientific study at all? 

 

BENNO HAFENEGER: The AfD has presented a 127-page glossy brochure entitled "How Germany really is". It is not a scientific study based on an investigation we conducted ourselves or on commissioned research. It is a collection of more than 100 tables taken from other studies, statistics, the press and answers to parliamentary questions, which have been printed here incoherently.

 

How is the study to be viewed from an empirical point of view?

 

HAFENEGER: It is not an empirical - i.e. methodologically proven - work in the scientific sense, but a data collection guided by interests. These data and statistics, which were arbitrarily selected from other sources and throughout from contexts, were then given ten headings.

 

What insights does the study provide?

 

HAFENEGER: It is supposed to offer "Facts instead of Fake News" - so the subtitle - and to convey with a "fact check" the catastrophic state of the republic. The arbitrarily selected tables, which paint a thoroughly negative picture of the republic, will serve this purpose. This applies to social affairs and pensions, migration, education, digitisation, energy and the environment, finance and taxes, internal security, media and defence.

With the abusive term "study", the collection aims to feign alleged seriousness and serve as evidence of the allegedly "real reality" of the republic. It offers alleged unambiguities and clarity about the state of the republic; differentiated references, different positions, and ponderous classifications are sought in vain. This is not part of the horizon of perception of hermetic thinking.

 

Are there errors in the study?

 

HAFENEGER: Yes, there are numerous errors and abbreviated representations from complex empirical findings. This applies to the negative assessment in living together with migrants, the pessimistic view of the future; then to pensions, because the pension systems of countries are very different. This also applies to the assertion that only few migrants integrate into the labour market, that the children of migrants are worth more to the state than German children, that migration would exacerbate the housing shortage, or that the Sharia has arrived in Hesse. And again and again there are false figures and assertions about negative population development and, on several occasions, about crime, the proportion of criminal and violent acts that would allegedly be committed by "non-Germans", migrants and refugees.

 

In your opinion, what purpose should the study serve for AfD?

 

HAFENEGER: According to the AfD, the Republic is in ruin, the "Merkel government has plunged Germany into the abyss". Dangers are conjured up and a scenario is offered according to which the Republic is drifting into the abyss and the "system" has allegedly run down in all areas. This diagnosis and proclamation of crises is part of her strategy of emotional negative campaigning to denigrate the republic, its constitution and parties, the political elites and institutions of representative democracy, and to talk and talk. Such legends and messages are meant to mobilize the own camp and followers* and to provide them with alleged "facts" in the struggle against "the system". The AfD and the camp essentially needs such mobilizations, with which it offers itself as an "alternative" at the same time. The collection presented here, which takes up core AfD topics, serves this world view and this need with aggressive rhetoric. mei

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