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Awo-Skandal: Ein System aus Bereicherung und Vetternwirtschaft

Herr Hafeneger, mit der Arbeit von Wohlfahrts-verbänden sind Sie gut vertraut. Hatten Sie mit diesem Skandal bei der Frankfurter und Wies-badener Awo gerechnet?

 

BENNO HAFENEGER: Dass es immer mal wieder kleinere Skandale geben würde, damit konnte gerechnet werden. Die gibt es überall in der Gesellschaft und da wäre die Awo kein Einzelfall. Aber mit diesem System und Ausmaß hatte ich nicht gerechnet. Er gehört mit den jetzigen Erkennt-nissen zu den größten Skandalen der Wohlfahrtsverbände in der Geschichte der Bundesrepublik, deren weiteren Ausmaße und Straftatbestände wie Bereicherung und Veruntreuung wohl erst noch deutlich werden; da wird ja noch von den Staatsanwaltschaften ermittelt.

 

Was hat Sie an diesem Skandal am meisten  schockiert?

 

HAFENEGER: Es sind zwei Aspekte: Einmal, dass er sich über lange Zeit in einem solchen Ausmaß so entwickeln konnte, ohne das angeblich niemand was bemerkt hat; was wiederum völlig unglaubwürdig ist. Dann, dass Teile eines Wohlfahrtsverbandes, der in der Tradition der Arbeiterbewegung und dessen Werten wie Solidarität, Gemeinwohl und Brüderlichkeit steht, alle diese Werte mit geradezu krimineller Energie verrät.

 

Wie konnten die Kontrollorgane so versagen und die Kreisverbände zu einem Selbstbedienungsladen verkommen lassen?

 

HAFENEGER: Man muss natürlich die weiteren Ermittlungen abwarten, da wird wohl noch viel zu Tage gefördert werden. Aber es liegen mehrere Vermutungen nahe: Die Kontrollorgane haben nicht genau hingesehen, wollten es nicht so genau wissen, haben bewusst weggesehen und waren damit unfähig; oder aber sie waren Teil und selbst in das System einbe-zogen und haben auch materiell davon profitiert. Es war ja ein System von immer wieder denselben Akteuren, in das auch die Kontrollorgane, in die man sich gegenseitig gewählt hat, einbezogen waren.

 

Stinkt der vielzitierte „Fisch“ bei der Awo vom Kopf her oder sind es die berühmten Einzelfälle, die für den Skandal verantwortlich sind?

 

HAFENEGER: Es sind keine Einzelfälle, sondern auf den beiden Kreisebenen und der Bezirksebene Hessen-Süd ist es wohl ein System gewesen, dass von einigen Akteuren  „von oben“ organisiert und kontrolliert wurde; dabei ging es um viel Geld und die Eigeninteressen – unter anderem Bereicherung – wurden mit autoritären Herrschaftstechniken durchgesetzt.

 

Wie würden Sie die heutige Arbeiterwohlfahrt einordnen. Als Wohlfahrtskonzern, der mit anderen Wettbewerbern, wie Caritas und Diakonie, um Steuergelder buhlt?

 

HAFENEGER: Die Wohlfahrtsverbände sind immer auch Konkurrenten, wenn es um staatliche Mittel, die Trägerschaft von Einrichtungen und um die Aufteilung des wohlfahrtsstaatlichen Marktes geht. Das ist zunächst nichts Verwerfliches und gehört zu den Strukturmerkmalen der bundesdeutschen Wohlfahrtspolitik. Aber dass ein Verband wie die Awo  - ja nicht nur in Frankfurt und Wiesbaden - so lange so agieren kann, das ist der Skandal und lässt nach Mechanismen der Vergabe von Steuermitteln, der staatlichen Aufsicht und Kontrolle fragen.

 

Was hat die heutige Awo noch mit ihren Zielen, mit der sie vor 100 Jahren angetreten ist, gemein?

 

HAFENEGER: Da darf man nicht alle „über einen Kamm scheren“ und muss schon unterscheiden. Der Bundesverband hat deutlich Stellung bezogen, er ist bemüht lückenlos aufzuklären und Konsequenzen zu ziehen. Die Vielzahl der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen macht in vielen Feldern der sozialen Arbeit, in der Kinder- und Jugendhilfe eine engagierte Arbeit. Aber es gibt wohl eine Funktionärskaste,  der es nur um ihr Eigeninteresse, um Geld, Macht und Kontrolle geht.

 

Würden Sie sagen, die Awo hat sich zu einem Selbstbedienungsladen der SPD entwickelt?

 

HAFENEGER: Es gibt aufgrund der Geschichte und des gemeinsamen Wertebezuges eine enge Verflechtung von Awo und SPD. Da gibt es – das ist eine lange Tradition - sehr viele Doppelmitgliedschaften und man sitzt gemeinsam in Parlamenten oder in verbandlichen Gremien. Berufsbiografien zeigen, dass und wie man in den jeweiligen Strukturen eingebunden ist, wie man wechselt und sich gegenseitig „bedient“. So zum Beispiel beim Oberbürgermeister von Frankfurt am Main dem bei der Awo eine Stelle geschaffen wurde, die dann nach seiner Wahl wegfiel; oder bei seiner Frau, die ohne Berufserfahrung Leiterin einer Kindertagesstätte mit einer ungewöhnlich hohen Bezahlung und mit einem Dienstwagen ausgestattet wurde. Aber von einem Selbstbedienungsladen im systematischen Sinne würde ich nicht sprechen.

 

Sind die alten Werte des Sozialdienstleisters mittlerweile so verwässert, das man sich ideologisch nur noch hinter den Begriffen „Toleranz“ und „Demokratie“ versteckt?

 

HAFENEGER: Ja, das sieht bei den in die Skandale verwickelten Akteuren so aus. Hier sind hehre demokratische und kulturelle Traditionsbegriffe nur Fassade und Rhetorik für ihre wirklichen Interessen und Machenschaften.

In ihrer Präambel hat sich die Awo noch den „demokratischen Sozialismus“ auf die Fahnen geschrieben.

 

Wie „sozialistisch“ ist die Awo heute noch?

 

HAFENEGER: Die eine Seite ist die wiederholt proklamierte Rhetorik, die andere Seite ist die Realität. Die Awo ist nicht „sozialistisch“, sondern ein Wohlfahrtsverband im marktwirtschaftlichen Kapitalismus und in einer rechtsstaatlich verfassten Demokratie. Unabhängig davon, was unter „Sozialismus“ als Ziel zu verstehen ist, muss man die Bundesebene – die in dem Skandal seriös agiert – und einigen lokalen und regionalen Ebene unterscheiden. Hier geht es einigen Akteuren nicht um „Sozialismus“, sondern um ein System von Bereicherung, Kontrolle und Vetternwirtschaft, wie man es sich in einem „wilden Kapitalismus“ vorstellt.

 

Welchen Schaden hat der Frankfurter Skandal bei der Awo angerichtet und wie ist der Verband noch zu retten?

 

HAFENEGER: Der Schaden ist immens und es besteht die Gefahr, dass der ganze Verband in Misskredit gerät; und das hat wohl auch der Bundesverband mit klaren Formulierungen erkannt und deutlich gemacht. Nur wenn konsequente Aufklärung erfolgt und die Akteure zur Rechenschaft gezogen werden, nur wenn Strukturreformen, die diesen Namen verdienen, auch wirklich umgesetzt werden, kann neue Glaubwürdigkeit entstehen. Neben diesen inneren verbandlichen Herausforderungen ist aber auch generell zu klären, welcher öffentlichen Kontrolle die Wohlfahrtsverbände unterliegen (müssen). mei

 

English version

 

The Frankfurt Awo scandal is making waves nationwide. A conversation with the Marburg association expert, Benno Hafeneger, about a system of enrichment, control and nepotism.

 

Mr Hafeneger, did you expect this scandal at the Frankfurt and Wiesbaden Awo?

 

BENNO HAFENEGER: That there would be smaller scandals from time to time, that could be expected. There are scandals everywhere in society and the Awo would not be an isolated case. But I had not reckoned with this system and scale. With the current state of knowledge, it is one of the biggest scandals involving welfare organizations in the history of the Federal Republic of Germany, the further extent and criminal offences such as enrichment and embezzlement are still to be clarified; the public prosecutor's offices are still investigating.

 

What has shocked you most about this scandal?

 

HAFENEGER: There are two aspects: Firstly, that it could have developed to such an extent over a long period of time without anyone supposedly noticing anything; which is again completely implausible. Then, that parts of a welfare organisation that is in the tradition of the labour movement and its values such as solidarity, the common good and fraternity betray all these values with downright criminal energy.

 

How could the controlling bodies fail in this way and allow the district associations to degenerate into a self-service shop?

 

HAFENEGER: Of course, one has to wait for the further investigations, there will probably be a lot more to come. But there are several suspicions: The controlling bodies did not look closely, did not want to know exactly, deliberately looked away and were therefore incapable; or they were part of the system and involved themselves in the system and have also profited materially from it. After all, it was a system of the same actors over and over again, and the controlling bodies, in which the people elected each other, were also involved.

 

Does the much-cited "fish" in the Awo stink from the head or is it the famous individual cases that are responsible for the scandal?

 

HAFENEGER: They are not individual cases, but on the two district levels and the district level of Hesse-South, it was probably a system that was organized and controlled "from above" by a few actors; there was a lot of money involved and the self-interests - among other things enrichment - were enforced with authoritarian techniques of rule.

 

How would you classify today's workers' welfare. As a welfare company competing with other competitors, such as Caritas and Diakonie, for tax money?

 

HAFENEGER: Welfare organisations are always competitors when it comes to state funding, the ownership of institutions and the division of the welfare state market. This is not reprehensible at first and is one of the structural features of German welfare policy. But the fact that an association like the Awo - and not only in Frankfurt and Wiesbaden - can operate in this way for so long is the scandal and raises questions about mechanisms for allocating tax funds, state supervision and control.

 

What does today's Awo still have in common with the goals with which it started 100 years ago?

 

HAFENEGER: You can't "lump them all together" and have to differentiate. The Federal Association has taken a clear position, it is endeavouring to clarify the situation completely and to draw the consequences. The large number of full-time and honorary employees* is committed in many fields of social work, in child and youth welfare. But there is probably a caste of functionaries who only care about their own interests, money, power and control.

 

Would you say that the Awo has developed into a self-service shop of the SPD?

 

HAFENEGER: There is a close interdependence between the Awo and the SPD because of their history and common values. There are - this is a long tradition - a lot of double memberships and you sit together in parliaments or in association committees. Professional biographies show that and how one is involved in the respective structures, how one changes and "serves" each other. For example, in the case of the Lord Mayor of Frankfurt am Main, who was offered a position at the Awo, which then fell vacant after his election; or in the case of his wife, who without any professional experience was the head of a day care centre with unusually high pay and equipped with a company car. But I would not speak of a self-service shop in the systematic sense.

 

Have the old values of the social service provider become so watered down that ideologically they are only hidden behind the terms "tolerance" and "democracy"?

 

HAFENEGER: Yes, that's how it looks with the actors involved in the scandals. Here, noble democratic and cultural concepts of tradition are only a façade and rhetoric for their real interests and machinations.

In its preamble, the Awo still has "democratic socialism" on its banners.

 

How "socialist" is the Awo still today?

 

HAFENEGER: One side is the repeatedly proclaimed rhetoric, the other side is reality. The Awo is not "socialist", but a welfare organisation in market-based capitalism and in a constitutional democracy. Regardless of what is meant by "socialism" as a goal, one must distinguish between the federal level - which is acting seriously in the scandal - and some local and regional levels. Here some actors are not concerned with "socialism", but with a system of enrichment, control and nepotism, as one imagines it in a "wild capitalism".

 

What damage has the Frankfurt scandal done to the Awo and how can the association still be saved?

 

HAFENEGER: The damage is immense and there is a danger that the entire association will be discredited; and the Federal Association has probably recognized and made this clear with clear formulations. Only if there is consistent clarification and the actors are called to account, only if structural reforms worthy of the name are actually implemented can new credibility be created. In addition to these internal association challenges, however, it must also be clarified in general terms what public control the welfare associations are (or must be) subject to. mei

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