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"Ein Garant für die nächste Generation von Terroristen"

Herr Reuter, was hat Donald Trump zu dieser Entscheidung, den iranischen General zu töten, veranlasst?

 

CHRISTOPH REUTER: Einerseits sicherlich die Suche danach, wie er Irans Führung weiter unter Druck setzen kann, ohne selbst derjenige zu sein, der einen Krieg beginnt. Ein hochriskantes Pokern, anders kann man es nicht nennen. Und vermutlich hat die PR-technisch für ihn ja sehr erfolgreich verlaufene Tötung von IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi ihn auf den Geschmack gebracht .... 

 

War er sich der Tragweite einer solchen Militär-Aktion bewusst? 

 

REUTER: .... aber dass es sich um zwei völlig verschiedene Kategorien von Machtfiguren handelt, dürfte ihm eher wenig klar sein. Zumindest zwei seiner Vorgänger hatten früher schon erwogen, Qasim Soleimani ermorden zu lassen, aber letztlich davon Abstand genommen. Ganz abgesehen davon, dass Soleimani ein pragmatischer Zyniker war, der dreimal in den vergangenen 20 Jahren zur Kooperation mit den USA bereit war, sie vorangetrieben hat: beim gemeinsamen Kampf gegen die Taliban und al-Qaida, nach dem Sturz Saddam Husseins und zuletzt bei der Befreiung des Westirak vom „Islamischen Staat“, IS.

 

 

Akzeptieren die Amerikaner Trumps Drohnenattentat?

 

REUTER: Vermutlich je nach Parteizugehörigkeit, seine Anhänger jubeln, aber die würden auch noch jubeln, fast egal, wen er umbringen lässt. Die Frage, wen die USA töten lassen, sollte ohnehin nicht in der Arena der Öffentlichkeit entschieden werden. Überhaupt hat diese Leichtigkeit, Menschen mit Drohnenangriffen per Joystick aus sicherer Ferne töten zu können, dieses allerletzte Mittel inflationär werden lassen. Diese Arroganz, ad gusto zu entscheiden, wer in anderen Ländern leben darf, wer sterben soll, ist der Garant für eine nächste Generation Terroristen, die sich genau dafür an den USA werden rächen wollen. 

 

Welche Reaktionen erwarten Sie von Russland und China?

 

REUTER: Aus China vermutlich keine, aus Russland....schwer zu sagen. Man wird sich dort anschauen, inwieweit es Moskau nützen kann, und wenn nun die Ableger der Pasdaran, der Hisbollah, des multinationalen Militärnetzwerks von Qasim Soleimani, irgendwo Anschläge auf Amerikaner verüben, wird man sich das vermutlich anschauen. 

 

Wie schätzen Sie die Rolle Saleimanis ein? 

 

REUTER: Extrem vielschichtig. Und gefährlich. Er hat den Glauben genutzt, Kämpfer in mehreren Ländern zu rekrutieren, letztlich als Söldner für die Interessen des iranischen Machtapparats antreten zu lassen. In Syrien haben sie Assads Diktatur gerettet, im Irak hatten die von ihm befehligten Milizen eine fatale Rolle beim Bürgerkrieg ab 2004, als schiitische gegen sunnitische Muslime kämpften und das Land zerrissen. Was in seinem Interesse war. 

Andererseits zerstört man die Schöpfung nicht mit der Ermordung ihres Schöpfers, das radikalisiert seine Anhänger eher noch mehr. Viel wichtiger, nachhaltiger sind Bürgerproteste von unten, wie es sie seit Monaten im Irak gibt, kurzzeitig in Iran gab, wo Hunderttausende gegen den Missbrauch des Glaubens für Korruption und Willkür auf die Straße gehen. Keine Drohnenattacken. 

 

Mit welchen Reaktionen des Irans rechnen Sie nach dem Anschlag?

 

REUTER: Wenn ich das genau wüsste, würde ich jetzt dorthin auf dem Weg sein und nicht am Computer sitzen...keiner weiß es genau. Einerseits sind es die Pasdaran ihrem Ruf, ihrem Selbstverständnis schuldig, sich brachial zu rächen. Andererseits wissen sie und die Mächtigen in Iran, dass sie einen wirklichen Krieg gegen die USA nicht gewinnen können. Die USA können den auch nicht gewinnen, jedenfalls nicht ohne Hunderttausende Soldaten zu entsenden, was niemand will. Es ist ein Patt, das am ehesten eskalieren kann, wenn zum Beispiel die Iraner nur eine begrenzte Vergeltung planen, aber dabei amerikanische Bürger, mehr amerikanische Bürger als vielleicht geplant umkommen. 

 

Wie wird sich die Situation im Mittleren Osten jetzt entwickeln?

 

REUTER: Absolut unabsehbar. Die Situation gleicht auch schon in den vergangenen Monaten einem System kommunizierender Röhren: Die wirtschaftliche Pleite Irans aufgrund von Sanktionen hing mit dem wirtschaftlichen Absturz des Libanon zusammen, der wiederum das letzte Tor zur Welt für Assads Regime in Syrien war, an Devisen zu kommen, Güter importieren zu können, etc.; die Proteste im Irak richten sich vehement auch gegen Irans Arroganz, den Irak als Kolonie zu behandeln und auszupressen. 

 

Vor welchen Problemen stehen diese Länder?

 

REUTER: Ganz abgesehen von der politisch-militärischen Lage haben die Regierungen und Regime in diesen vier Ländern ein nicht minder gravierendes Problem: Sie stehen wirtschaftlich vor dem Abgrund, beziehungsweise die Iraker könnten wohlhabend sein, wenn sie die iranische Dominanz abschütteln, was die Iraner um jeden Preis verhindern wollen. Insofern werden die Herrschenden in Iran bei jeder Erwägung einer Vergeltung diesen Faktor mit einrechnen müssen: Was passiert danach? Was wird aus unseren Einnahmen aus dem Irak, wenn wir die Lage dort eskalieren lassen? Was wird aus der Hisbollah im Libanon, wenn wir die Lage dort eskalieren lassen? 

 

Welche Rolle spielt Deutschland in dem ganzen Konflikt?

 

REUTER: Eine irrlichternde. Wie meistens in solchen Situationen melden sich deutsche Politiker zu Wort und warnen vor einer Eskalation, betonen, dass es keine militärische Lösung geben könne, etc., etc., etc. ; Das ist so richtig wie die Feststellung, dass es nach Sonnenuntergang dunkel wird. Es ist auch so einflussreich wie die Feststellung, dass die Nacht nach Einbruch der Dunkelheit beginnt. Aber es fehlt für eine wirkliche Rolle Deutschlands ja schon an den elementarsten Bedingungen, an profilierten Außenpolitikern, an einem Grundkonsens, was Deutschland in der Welt sein will, an einer Bundeswehr, die auch von A nach B in eigenen Fahr- und Flugzeugen kommt, an einer wirklichen europäischen Außenpolitik. 

 

... und wie reagiert die Politik? 

 

REUTER: Dann meldet sich Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und will irgendwie, irgendwohin deutsche Truppen schicken, ohne recht erklären zu können, welche Rolle, welches Mandat sie in Syrien oder in Mali eigentlich haben sollen. Und die Reaktion der neuen SPD-Vorsitzenden, unverzüglich den Abzug der winzigen deutschen Ausbildungsmission aus dem Irak zu fordern, spricht nicht gerade für eine klare, durchdachte Vorstellung, was man eigentlich im Irak oder sonst wo will. 

 

Was sollte Deutschland jetzt tun, um den Konflikt zu entschärfen?

 

REUTER: Wie gesagt, solange es in Deutschland weder einen politischen Konsens noch die nötigen Voraussetzungen für mehr gibt als laue Appelle, die klingen wie mit copy/paste aus dem letzten Statement übernommen, stellt sich die Frage nicht einmal. Leider. mei

 

Zur Person: Christoph Reuter (Jahrgang 1968) ist Nahost-Korrespondent des Spiegel in Beirut und Autor verschiedener Bücher über die islamische Welt (u.a. „Die schwarze Macht – über das Innenleben des Islamischen Staates“). 

 

English version

 

A interview with Middle East expert Christoph Reuter about the consequences of the drone attack on Iranian General Soleimani and the helpless role of the German government in the conflict between the USA and Iran.

 

Mr. Reuter, what led Donald Trump to this decision to kill the Iranian general?

 

CHRISTOPH REUTER: On the one hand, certainly the search for how he can continue to pressure Iran's leadership without being the one to start a war himself. A high-risk poker game, you can't call it anything else. And probably the PR-technically very successful killing of IS-chief Abu Bakr al-Baghdadi has given him a taste for it ... 

 

Was he aware of the consequences of such a military action? 

 

REUTER: ... but that these are two completely different categories of power figures is probably not very clear to him. At least two of his predecessors had previously considered having Qasim Soleimani assassinated, but ultimately refrained from doing so. Quite apart from the fact that Soleimani was a pragmatic cynic who was prepared to cooperate with the USA three times in the past 20 years, and who has pushed it forward: in the joint fight against the Taliban and al-Qaida, after the fall of Saddam Hussein, and most recently in the liberation of Western Iraq from the "Islamic State", IS.

 

Do the Americans accept Trump's drone attack?

 

REUTER: Probably depending on his party affiliation, his followers cheer, but they would cheer too, almost no matter who he had killed. The question of who the U.S. has killed should not be decided in the public arena anyway. In general, this ease of being able to kill people with drone attacks by joystick from a safe distance has made this very last resort inflationary. This arrogance to decide ad gusto who is allowed to live in other countries, who is to die, is the guarantor for a next generation of terrorists who will want to take revenge on the USA for exactly this. 

 

What reactions do you expect from Russia and China?

 

REUTER: Probably none from China, from Russia...hard to say. One will look there to see to what extent it can benefit Moscow, and if now the offshoots of the Pasdaran, Hezbollah, the multinational military network of Qasim Soleimani, carry out attacks on Americans somewhere, one will probably look at that. 

 

What is your assessment of Saleimani's role? 

 

REUTER: Extremely complex. And dangerous. He has used the belief to recruit fighters in several countries, ultimately as mercenaries for the interests of the Iranian power apparatus. In Syria they saved Assad's dictatorship, in Iraq the militias he commanded played a fatal role in the civil war from 2004, when Shiite Muslims fought against Sunni Muslims and tore the country apart. What was in his interest. 

On the other hand, you don't destroy creation by murdering its creator, that rather radicalizes his followers even more. Much more important, more lasting are citizen protests from below, as they have been going on for months in Iraq, briefly in Iran, where hundreds of thousands take to the streets against the abuse of faith for corruption and arbitrariness. No drone attacks. 

 

What reactions do you expect from Iran after the attack?

 

REUTER: If I knew that for sure, I would be on my way there now and not sitting at my computer...nobody knows for sure. On the one hand, the Pasdaran owe it to their reputation, their self-image, to take brutal revenge. On the other hand, they and the powerful in Iran know that they cannot win a real war against the USA. The USA cannot win it either, at least not without sending hundreds of thousands of soldiers, which nobody wants. It is a stalemate that is most likely to escalate if, for example, Iranians plan only limited retaliation, but American citizens, more American citizens than perhaps planned, are killed in the process. 

 

How will the situation in the Middle East develop now?

 

REUTER: Utterly unpredictable. The situation has already resembled a system of communicating tubes in recent months: Iran's economic bankruptcy due to sanctions was linked to the economic crash of Lebanon, which in turn was the last gateway to the world for Assad's regime in Syria to obtain foreign currency, import goods, etc.; the protests in Iraq are also vehemently directed against Iran's arrogance in treating Iraq as a colony and squeezing it out. 

 

What problems are these countries facing?

 

REUTER: Quite apart from the politico-military situation, the governments and regimes in these four countries have a no less serious problem: they are economically on the brink of the abyss, or the Iraqis could be prosperous if they shake off Iranian dominance, which the Iranians want to prevent at all costs. In this respect, the rulers in Iran will have to take this factor into account whenever they consider retaliation: What happens next? What will happen to our income from Iraq if we allow the situation there to escalate? What will happen to Hezbollah in Lebanon if we allow the situation there to escalate? 

 

What role does Germany play in the whole conflict?

 

REUTER: A misguided one. As is usually the case in such situations, German politicians speak out and warn of an escalation, emphasize that there can be no military solution, etc., etc., etc. ; That is as true as the statement that it gets dark after sunset. It is also as influential as the statement that the night begins after dark. But for Germany to be able to play a real role, it already lacks the most elementary conditions, it lacks high-profile foreign politicians, it lacks a basic consensus on what Germany wants to be in the world, it lacks a Bundeswehr that can get from A to B in its own vehicles and planes, it lacks a real European foreign policy. 

 

... and how does the policy respond? 

 

REUTER: Then Minister of Defence Annegret Kramp-Karrenbauer comes forward and somehow wants to send German troops somewhere, without being able to explain what role or mandate they should actually have in Syria or Mali. And the reaction of the new SPD leaders to demand the immediate withdrawal of the tiny German training mission from Iraq does not exactly speak for a clear, well thought-out idea of what one actually wants in Iraq or elsewhere. 

 

What should Germany do now to defuse the conflict?

 

REUTER: As I said, as long as there is neither a political consensus nor the necessary preconditions for more than lukewarm appeals in Germany, which sound like copy/paste from the last statement, the question does not even arise. Unfortunately. mei

 

About the person: Christoph Reuter (born in 1968) is the Middle East correspondent of Der Spiegel in Beirut and author of various books about the Islamic world (including "Die schwarze Macht - über das Innenleben des Islamischen Staates").  

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