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"Mieter werden gegen den Klimaschutz ausgespielt"

Herr Bettin, die Stadt Darmstadt hat sich den Klimaschutz auf die Fahnen geschrieben. Aus diesem Grund werden unter auch die städtischen Wohnungen in der Buxbaum-Siedlung von der stadteigenen Bauverein AG seit geraumer Zeit modernisiert. Sie wohnen selbst in einer der Wohnungen. Was ist daran so schlimm?

 

KEVIN BETTIN: Die eigene Stadt verdrängt durch die Modernisierung womöglich Tausende langjährige Mieter aus ihrem Heim, da diese sich die Miete nach der Modernisierung nicht mehr leisten können - kritisch ist keine hinreichende Beschreibung für diese Situation.

 

Warum?

 

BETTIN: Das Gesetz erlaubt, dass maximal 11 Prozent der Kosten, die einem Vermieter entstehen, wenn er Modernisierungsmaßnahmen durchführt, auf den Mieter und seine Jahresmiete dauerhaft umgelegt werden. Unabhängig davon, ob diese sinnvoll sind, der Mieter sich die Miete danach leisten kann oder überhaupt eine Kostenersparnis, zum Beispiel durch Dämmung, eintreten wird. 

 

Die Stadtregierung bringt bei dieser Modernisierung auch den Klimaschutz mit ins Spiel ...

 

BETTIN: Klimapolitisch muss man hier zwei Dinge unterscheiden: Die so genannte Modernisierung, durch die unsere Miete steigt und den Anschluss an das städtische Fernwärmenetz. Letztere begründet die angebliche klimapolitische Verbesserung, da der Fernwärme ein politischer Faktor zugerechnet wird, durch den der Primärenergieverbrauch rechnerisch sinkt. 

 

Ist das wirklich so?

 

BETTIN: Das hat aber nichts mit einer realen Energieersparnis zu tun. Die Modernisierungserhöhung entsteht nicht durch eine Dämmung der Fassade, woran die meisten denken würden. Stattdessen wurden Maßnahmen durchgeführt, um gezielt die Miete zu erhöhen. 

 

Alles unter dem Deckmantel des Klimaschutzes?

 

BETTIN: Was die grüne Stadtregierung hier betreibt, ist aus meiner Sicht fatal: Der dringend nötige Klimaschutz wird hier als Vorwand für die eigentlichen Beweggründe herangezogen. Den Haushalt mit satten Renditen der städtischen Immobiliengesellschaft versorgen. Diese hat in weniger als zehn Jahren über 100 Millionen Euro an Gewinnen an die Stadt ausgeschüttet, neben dem was sie selbst zurücklegt. In einzelnen Jahren werden da, wenn der Oberbürgermeister Geld braucht mal eben 23 Millionen Euro ausgeschüttet.

 

Wie erklären Sie sich das?

 

BETTIN: Hier wird ganz klar der Klimaschutz gegen die Mieter ausgespielt, was keines Falls passieren darf! Das Problem ist so nicht zu lösen, solange nur ein Bruchteil der Darmstädter, nämlich die städtischen Mieter, stetig zur Kasse gebeten werden, die ja auch nur aus mittleren oder meist unteren Einkommensschichten kommen. 

 

Mussten schon Mieter nach der Modernisierung des Bauvereins ihre alten Wohnungen verlassen? 

 

BETTIN: Etliche, allein in meiner Nachbarschaft ein Ehepaar, das nach 60 Jahren Beständigkeit nun zur Tochter ziehen musste. Ich gehe bis Ende nächsten Jahres von über Tausend Menschen aus, die ihre Wohnung nicht mehr dauerhaft halten können. 

 

Wie hoch waren denn die Mietsteigerungen nach der Modernisierung? 

 

BETTIN: Das ist sehr unterschiedlich, meist sind es 150 bis 200 Euro im Monat inklusive der steigenden Heizkosten bedingt durch den Anschluss an den teuersten Heizungsanbieter, nämlich dem Städtischen. 

 

Was passiert mit den leeren Wohnungen? 

 

BETTIN: Diese werden nochmal modernisiert und diesmal auch halbwegs umfangreich, damit die dann im Schnitt 16 Prozent über dem grade erst gestiegenen Mietspiegel vermietet werden. So zahlt man für eine 4-Zimmer-Wohnung mit 100 Quadratmetern ohne alle Betriebskosten schnell 1200 Euro aufwärts für eine, naja, halbwegs ordentlich gemachte Wohnung aus den 1930er Jahren. mei

 

Zur Person: Kevin Bettin (22) studiert an der TU Darmstadt Wirschaftsingenieurwesen und ist Sprecher Mieterinitiative "Mietmeister", die sich nicht nur in Darmstadt, sondern jetzt auch in der gesamten Rhein-Main-Region für Mieterinteressen einsetzt.

 

English version

 

The Darmstadt Buxbaum settlement does not come to rest. A conversation with Kevin Bettin, spokesman for the neighbourhood's tenants' initiative, about high rents and climate protection as a fig leaf. 

 

Mr. Bettin, the city of Darmstadt has taken up the cause of climate protection. For this reason, the city's own Bauverein AG has been modernising the municipal apartments in the Buxbaum housing estate for some time now. You live in one of the apartments yourself. What is so bad about that?

 

KEVIN BETTIN: Through modernization, your own city is possibly displacing thousands of long-term tenants from their homes because they can no longer afford the rent after modernization - critical is not a sufficient description of this situation.

 

Why?

 

BETTIN: The law allows a maximum of 11 percent of the costs incurred by a landlord when carrying out modernization measures to be permanently passed on to the tenant and his annual rent. Irrespective of whether these are reasonable, the tenant can afford the rent afterwards or whether there will be any cost savings at all, for example through insulation. 

 

The city government is also bringing climate protection into play in this modernization ...

 

BETTIN: In terms of climate policy, you have to distinguish between two things: The so-called modernization, which will increase our rent, and the connection to the city's district heating network. The latter justifies the alleged improvement in climate policy, as district heating is considered a political factor that reduces primary energy consumption. 

 

Is that really the case?

 

BETTIN: But that has nothing to do with real energy savings. The increase in modernization does not come from insulating the facade, which is something most people would think about. Instead, measures were taken to specifically increase the rent. 

 

All under the guise of climate protection?

 

BETTIN: What the green city government is doing here is fatal in my view: the urgently needed climate protection is being used here as a pretext for the actual motives. Providing the household with rich returns from the municipal real estate company. In less than ten years, this company has distributed over 100 million euros in profits to the city, in addition to what it sets aside itself. In individual years, when the Lord Mayor needs money, 23 million euros are distributed.

 

How do you explain that?

 

BETTIN: Here, climate protection is clearly being played off against the tenants, which must not happen under any circumstances! The problem cannot be solved as long as only a fraction of Darmstadt's residents, namely the city's tenants, are constantly asked to pay, since they only come from middle or lower income groups. 

 

Have tenants already had to leave their old apartments after Bauverein modernization? 

 

BETTIN: Quite a few, in my neighborhood alone a married couple who had to move in with their daughter after 60 years of consistency. By the end of next year, I expect to see over a thousand people who will no longer be able to keep their apartments permanently. 

 

How high were the rent increases after the modernization? 

 

BETTIN: It varies a lot, usually between 150 and 200 euros per month, including the rising heating costs due to the connection to the most expensive heating provider, namely the city council. 

 

What happens to the empty apartments? 

 

BETTIN: They will be modernized again, and this time they will also be modernized to a certain extent, so that they will be rented out at an average of 16 percent above the rent level that has just risen. For example, for a 4-room apartment with 100 square meters without all the operating costs, you quickly pay 1200 euros upwards for a, well, halfway decent apartment from the 1930s.

 

Personal details: Kevin Bettin (22) is studying industrial engineering at the TU Darmstadt and is the spokesman for the tenant initiative "Mietmeister", which promotes the interests of tenants not only in Darmstadt but now also in the entire Rhine-Main region.

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