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Coronakrise: Die Schockwellen treffen das ganze Wirtschaftsleben

Die wirtschaftlichen Schockwellen durchziehen sowohl die Angebots- wie auch die Nachfrageseite: Aufgrund fehlender Vorleistungsgüter und weil der Arbeitsalltag vielerorts nicht wie gewohnt vonstattengehen kann, müssen viele Unternehmen ihre Produktion zurückfahren oder sogar einstellen, so das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in seiner Analyse.

 

Damit verbunden sei ein erheblicher Rückgang der Nachfrage nach Dienstleistungen und Investitionsgütern. Die Haushalte schränkten ihren Konsum ein, was insbesondere im Einzelhandel, der Gastronomie und in der Reisebranche große Umsatzausfälle bedeute. Verstärkt würden diese Effekte durch die erhebliche Verunsicherung der Unternehmen und Haushalte. Da der weitere Verlauf der Pandemie und die konkreten politischen Reaktionen auf diese kaum vorhersehbar sei, ist der Ausblick auf die künftige konjunkturelle Entwicklung weitaus unsicherer als sonst, so die DIW-Forscher. 

 

Szenario schnelle Normalisierung 

 

Sicher scheine allerdings, dass die deutsche Wirtschaft mindestens in den kommenden beiden Quartalen erheblich in Mitleidenschaft gezogen werde. Wie es danach weitergehe, hänge davon ab, wie bald eine Rückkehr zu normalen wirtschaftlichen Aktivitäten möglich ist und gelingt. Ein Szenario, das einen ähnlichen Verlauf der Virusausbreitung unterstellt wie bei vergangenen Epidemien, etwa der Schweinegrippe, SARS oder der Vogelgrippe, ähnelt einem „V“: Nachdem es steil bergab ging, normalisierten sich nach erfolgreicher Eindämmung des Virus die Produktion und der Konsum relativ bald, im aktuellen Fall in der zweiten Jahreshälfte. Selbst in diesem – Stand jetzt eher optimistischen – Szenario würde die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr unter dem Strich aber schrumpfen, um 0,1 Prozent. Die Corona-Krise würde in diesem Fall ein um rund 1,3 Prozentpunkte geringeres Wachstum nach sich ziehen

 

Das Virus könnte noch größere Kreise ziehen

 

Das Virus könnte zeitlich und räumlich jedoch noch weitaus größere Kreise ziehen. Weitere Länder sehen sich womöglich zu weitgehenden Maßnahmen veranlasst, die in vielen Fällen die exportorientierte und offene Volkswirtschaft Deutschlands träfen – selbst, wenn der Höhepunkt der Epidemie hierzulande irgendwann überschritten sein sollte. Die Haushalte und Unternehmen seien nachhaltig verunsichert und stellen Anschaffungen weiter zurück. Dies würde die Abwärtsdynamik noch beschleunigen und eine wirtschaftliche Erholung verzögern. Der Verlauf in diesem Szenario entspräche einem „L“: Es geht steil bergab, Produktion und Konsum normalisierten sich nicht, sondern verharren auf dem geringeren Niveau. Die Rezession würde dann erheblich schwerer ausfallen.

 

Weltkonjunktur hätte sich stabilisiert

 

Gäbe es das Corona-Virus und seine Folgen nicht, wäre die Industrierezession allmählich zu einem Ende gekommen. Auch die Weltkonjunktur hätte sich eigentlich stabilisiert, zumal es in Sachen Brexit eine Atempause gebe und die USA und China in ihren Handelsgesprächen Fortschritte verzeichnen konnten. Vom Rückgang dieser Risiken hätte die exportorientierte deutsche Wirtschaft unter normalen Umständen besonders profitiert. Doch all das ist nun hypothetisch.

 

Entschiedenes Handeln zur Stabilisierung notwendig 

 

Der Krise sollte schnell und massiv entgegengetreten werden. Weltweit haben Zentralbanken, etwa die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank, teils weitreichende Schritte unternommen, um die Märkte zu beruhigen. Dies ist wichtig, um ein Wiederaufflammen der Krise im Euroraum, aber auch eine neue Bankenkrise zu verhindern. Mindestens genauso gefragt sei jetzt die Finanzpolitik.

 

Wichtiger erster Schritt, um Insolvenzen und Arbeitsplatzverluste zu vermeiden

 

Die Bundesregierung habe ein umfassendes Paket vorgestellt, das die kurzfristige Liquidität für Unternehmen sichere und den Zugang zu Kurzarbeitergeld erleichtert. Dies sei ein wichtiger erster Schritt, um Insolvenzen und Arbeitsplatzverluste zu vermeiden. Andere Lösungen brauche es aber für Kleinunternehmerinnen und -unternehmer sowie Solo-Selbständige, für die die derzeitige Krise vielfach zur Existenzbedrohung werde. All dies sichert den Fortbestand der betrieblichen Strukturen in Deutschland.

 

„Die Politik sollte jetzt weiter entschlossen handeln: Brücken mit Liquiditätshilfen und Kurzarbeit bauen, die Bereitschaft für einen erheblichen Nachfrageimpuls erklären und eine Koordination zwischen den Regierungen organisieren.“ Claus Michelsen, DIW-Konjunkturchef

 

Sollte sich die wirtschaftliche Krise trotz eines Abebbens der Pandemie verfestigen, wäre es außerdem nötig, den Konsum der privaten Haushalte und die Investitionen anzukurbeln. Möglich wäre, die teilweise Abschaffung des Solidaritätszuschlags vorzuziehen oder vorübergehend die Mehrwertsteuer oder die Sozialversicherungsbeiträge zu senken. 

 

Eine Vertrauenskrise muss verhindert werden

 

Ein entschiedenes Handeln ist notwendig, um auf Seiten der Haushalte, vor allem aber der Unternehmen eine Vertrauenskrise zu verhindern. Diese würde bei Unternehmen zu einer deutlichen Investitionszurückhaltung führen. Zum einen könnten Unternehmen durch großzügigere Abschreibungsregeln dazu animiert werden, bereits geplante Investitionsprojekte jetzt nicht aufzuschieben, sondern frühzeitig in Angriff zu nehmen und damit die Nachfrage anzukurbeln. Um Vertrauen zu stärken, sollte die Bereitschaft zu derartigen Maßnahmen klar und frühzeitig kommuniziert werden.

 

Koordination auf europäischer Ebene

 

Diese Maßnahmen sollten zudem auf europäischer Ebene koordiniert und durch gemeinsame europäische Initiativen ergänzt werden. Hierfür könnte auch der europäischen Rettungsschirm ESM genutzt werden. Wichtig dabei ist, den Glauben an und das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit aller europäischen Regierungen, vor allem Italiens, sicherzustellen. Zentrales Ziel muss sein, eine tiefe anhaltende Wirtschafts- und Finanzkrise zu verhindern. pm, diw, mei

 

Bildrechte: DIW (Berlin) Foto: DIW (Berlin)

 

English version

 

The spread of the corona virus brings with it unprecedented risks and challenges for the German economy. Public life in Germany has largely come to a standstill within a very short period of time. The economic shockwaves are affecting both the supply and the demand side: due to a lack of intermediate goods and because everyday working life in many places cannot proceed as usual, many companies are having to cut back or even stop production, according to the German Institute for Economic Research (DIW) in its analysis.

 

This is associated with a considerable decline in demand for services and capital goods. Households are cutting back on consumption, which means major losses in sales, especially in the retail, catering and travel sectors. These effects would be intensified by the considerable uncertainty of companies and households. As the further course of the pandemic and the concrete political reactions to it are hardly predictable, the outlook for future economic development is far more uncertain than usual, according to DIW researchers. 

 

Rapid normalization scenario 

 

It seems certain, however, that the German economy will be severely affected at least in the next two quarters. What happens next will depend on how soon a return to normal economic activity is possible and successful. A scenario that assumes a similar course of the virus spread as in past epidemics, such as swine flu, SARS or bird flu, is similar to a "V": After a steep decline, production and consumption returned to normal relatively soon after successful containment of the virus, in the current case in the second half of the year. Even in this scenario, which is now rather optimistic, the German economy would shrink by 0.1 percent this year. In this case, the corona crisis would result in growth that would be around 1.3 percentage points lower

 

The virus could travel in even larger circles

 

The virus could, however, spread over a much wider area in terms of time and space. Other countries may be forced to take far-reaching measures, which in many cases would affect Germany's export-oriented and open economy - even if the peak of the epidemic in this country should at some point be passed. Households and companies are sustainably insecure and are continuing to postpone purchases. This would further accelerate the downward dynamic and delay economic recovery. The course of events in this scenario would correspond to an "L": the downward trend is steep, production and consumption do not normalize but remain at the lower level. The recession would then be much more severe.

 

Global economy would have stabilized

 

If it were not for the corona virus and its consequences, the industrial recession would have gradually come to an end. The global economy would also have actually stabilised, especially as there was a breathing space in the brexite sector and the USA and China were able to make progress in their trade negotiations. Under normal circumstances, the export-oriented German economy would have particularly benefited from the decline in these risks. But all this is now hypothetical.

 

Decisive action needed for stabilisation 

 

The crisis should be countered quickly and massively. Central banks around the world, such as the US Federal Reserve and the European Central Bank, have in some cases taken far-reaching steps to calm the markets. This is important in order to prevent a resurgence of the crisis in the euro zone, but also to prevent a new banking crisis. Fiscal policy is now at least as important.

 

Important first step to avoid insolvencies and job losses

 

The Federal Government had presented a comprehensive package that would secure short-term liquidity for companies and facilitate access to short-time work compensation. This is an important first step towards avoiding insolvencies and job losses. Other solutions are needed, however, for small entrepreneurs and the self-employed, for whom the current crisis is often a threat to their very existence. All this ensures the continued existence of business structures in Germany.

 

"Politicians should now continue to act decisively: build bridges with liquidity support and short-time work, declare readiness for a considerable stimulus in demand and organise coordination between governments". Claus Michelsen, DIW Economic Research Director

 

Moreover, if the economic crisis were to deepen, despite an easing of the pandemic, it would be necessary to boost household consumption and investment. It would be possible to bring forward the partial abolition of the solidarity surcharge or to temporarily reduce VAT or social security contributions. 

 

A crisis of confidence must be prevented

 

Decisive action is needed to prevent a crisis of confidence on the part of households and, above all, businesses. This would lead to a clear reluctance to invest on the part of companies. On the one hand, more generous depreciation rules could encourage companies not to postpone investment projects already planned but to tackle them at an early stage and thus stimulate demand. In order to strengthen confidence, the willingness to take such measures should be communicated clearly and early on.

 

Coordination at European level

 

These measures should also be coordinated at European level and complemented by joint European initiatives. The European Rescue System (ESM) could also be used for this purpose. The important thing is to ensure that all European governments, especially Italy's, have faith in and trust in the ability to act. The central goal must be to prevent a deep and persistent economic and financial crisis. pm, diw, mei

 

Image rights: DIW (Berlin) Photo: DIW (Berlin)

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