AfD-Flügel: "Propagiert wird eine nationale Revolution"

 

Der „Flügel“ der AfD stand massiv in der Kritik und seine Mitglieder unter Beobachtung des Verfassungs-schutzes. Jetzt löste sich diese Bewegung auch in Hessen auf. Was waren die Beweggründe für die Auflösung?

 

BENNO HAFENEGER: Die Beweggründe sind nicht der Einsicht oder einem Lernprozess der AfD und des „Flügels“ geschuldet, sondern erfolgte aufgrund der Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Hier hatte die AfD wohl Angst um Mitgliederverlust und als Ganze in den Sog der Beobachtung und öffentlicher Ächtung zu geraten.

 

Welchen Stellenwert hatte der der „Flügel“ in Hessen und bundesweit?

 

HAFENEGER: Er ist besonders stark in den östlichen Bundesländern und dominiert hier mit den bekannten Akteuren um Höcke und Kalbitz die AfD; hier werden 40 Prozent der Mitglieder dem „Flügel“ zugerechnet. Aber auch in den westlichen Bundesländern gibt es starke Gruppierungen und man schätzt, dass etwa 30 Prozent der Mitglieder – der Verfassungsschutz spricht von 7.000 Personen -diesem rechtsextrem-völkischen Lager zuzurechnen sind. Das gilt auch für Hessen und die Landtagsfraktion, auch wenn der „Flügel“ hier kaum öffentlich in Erscheinung getreten ist.

 

Wie sahen/sehen die Positionen dieser Parteigliederung aus?

 

HAFENEGER: Es sind ein nachweisbar rechtsextremes, völkisch-nationalistisches Denken, die Verachtung der parlamentarischen, liberalen und rechtsstaatlich verfassten Demokratie. Die Menschenfeindlichkeit drückt sich aus in Hass und Hetze gegen Minderheiten, Asylbewerber und Geflüchtete, verbunden mit einem abwertenden und ausgrenzenden und Vokabular. Die Akteure des Flügels wollten/wollen ein anderes Land, eine völkisch-homogene Gesellschaft und einen autoritären Staat. Propagiert wird eine nationale Revolution.

 

Was sind deren wichtigsten Protagonisten in Hessen und bundesweit?

 

HAFENEGER: Es sind vor allem Björn Höcke aus Thüringen und Andreas Kalbitz aus Brandenburg, aber auch Jörg Urban aus Sachsen, dann Stephan Brandner, Thomas Tillschneider und Stephan Portschka. In Hessen waren/sind es die Europaparlamentarierin Christine Andersen, die beiden Landtagsabgeordneten Andreas Lichert und Heiko Scholz; zwei weitere werden dem Netzwerk zugerechnet.  

 

Für wie gefährlich halten Sie den „Flügel“?

 

HAFENEGER: Er hat eine wichtige Brücken- und Scharnierfunktion und ist mit seinem Netzwerk in das rechtsradikale bis rechtsextreme Lager federführend eingebunden. Der „Flügel“ agiert innerhalb der AfD, in Parlamenten und außerhalb des Parlamentes auf der Straße, zum Beispiel bei PEGIDA und Demonstrationen des rechtsextremen Lagers. Er hat damit unterschiedliche Gelegenheiten und Foren, seine menschenverachtende Ideologie bis in die Mitte der Gesellschaft hinein zu propagieren.

 

Sind dessen Positionen in der AfD salonfähig? Kann dieser von den „liberalen“ Kräften innerhalb der Partei verdrängt werden?

 

HAFENEGER: Die Positionen dominieren – wenn auch nicht mit der schrillen und aggressiven Rhetorik - mittlerweile die Partei. Diese sind - so attestiert auch Gauland Höcke nach der Wahl in Thüringen - in der Mitte der Partei angekommen. Die AfD hat seit ihrer Gründung einen sukzessiven Prozess der Radikalisierung durchlaufen und hier ist die Strategie des „Flügels“ aufgegangen. Andere Gruppierungen und Akteure gibt es, aber sie spielen in der öffentlichen und parlamentarischen Wahrnehmung kaum eine Rolle.

 

Sind „Flügel“-Positionen schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

 

HAFENEGER: Wenn man die Wahlergebnisse vor allem in den östlichen Bundesländern und der Republik insgesamt, dann die Ergebnisse der „Mitte-Studien“, den Thüringen-Monitor zugrunde legt, dann zeigt sich ein erhebliches Ausmaß an demokratie- und menschenfeindliche Einstellungen in Teilen der Bevölkerung. Diese werden von der AfD und ihrem „Flügel“ aufgenommen, bedient und radikalisiert.

 

Ist durch die Auflösung das „Flügel“-Thema beendet?

 

Mitnichten, denn das Netzwerk, die Akteure und Ideologie bestehen ja weiterhin. Bei der großen Zahl von Akteuren, Anhängern und Delegierten – der „Flügel“ stellt etwa 40 Prozent bei den AfD-Parteitagen – prägen und entwickeln diese weiterhin die Richtung der AfD. Ob man sich einen anderen Namen, es weitere Treffen gibt oder gänzlich darauf verzichtet, bleibt abzuwarten; aber wenn man die AfD dominiert, ist das auch nicht mehr nötig. mei

 

Bildrechte: privat; Foto: privat 

 

English version

 

What will happen after the self-dissolution of the "wing" of AfD? A conversation with the extremism researcher, Benno Hafeneger, about the protagonists and ideas of the right-wing extremist alliance within the AfD.

 

The "wing" of the AfD was massively criticised and its members were under observation by the Verfassungsschutz. Now this movement also dissolved in Hesse. What were the motives for the dissolution?

 

BENNO HAFENEGER: The motives are not owed to the insight or a learning process of the AfD and the "wing", but occurred due to the observation by the Office for the Protection of the Constitution. Here the AfD was probably afraid of losing members and as a whole getting caught up in the maelstrom of observation and public ostracism.

 

What was the significance of the "wing" in Hesse and nationwide?

 

HAFENEGER: It is particularly strong in the eastern federal states and dominates the AfD here with the well-known players around Höcke and Kalbitz; here 40 percent of the members are attributed to the "wing". But there are also strong groupings in the western federal states and it is estimated that about 30 percent of the members - the Verfassungsschutz speaks of 7,000 persons - can be attributed to this extreme right-wing camp. This also applies to Hesse and the state parliament faction, even though the "wing" has hardly made any public appearances here.

 

What were/are the positions of this party organization?

 

HAFENEGER: It is a demonstrably extreme right-wing, nationalistic thinking, the contempt for parliamentary, liberal and constitutional democracy. The inhumanity expresses itself in hatred and agitation against minorities, asylum seekers and refugees, combined with a pejorative and excluding and vocabulary. The actors of the wing wanted / want another country, a homogenous ethnic society and an authoritarian state. A national revolution is propagated.

 

What are its most important protagonists in Hessen and nationwide?

 

HAFENEGER: They are primarily Björn Höcke from Thuringia and Andreas Kalbitz from Brandenburg, but also Jörg Urban from Saxony, then Stephan Brandner, Thomas Tillschneider and Stephan Portschka. In Hesse, it was/is the European Parliament member Christine Andersen, the two members of the state parliament Andreas Lichert and Heiko Scholz; two others are attributed to the network.  

 

How dangerous do you consider the "wing" to be?

 

HAFENEGER: It has an important bridging and hinge function, and with its network it is integrated into the radical right-wing to extreme right-wing camp in a leading role. The "Wing" acts within the AfD, in parliaments and outside the parliament on the streets, for example at PEGIDA and demonstrations of the extreme right-wing camp. It thus has various opportunities and forums to propagate its inhuman ideology right into the middle of society.

 

Are his positions acceptable in the AfD? Can it be suppressed by the "liberal" forces within the party?

 

HAFENEGER: The positions dominate - even if not with the shrill and aggressive rhetoric - the party in the meantime. These have - as Gauland Höcke also attested after the election in Thuringia - arrived in the middle of the party. Since its foundation, the AfD has undergone a successive process of radicalisation and here the strategy of the "wing" has been successful. There are other groups and actors, but they hardly play a role in public and parliamentary perception.

 

Have "wing" positions already reached the middle of society?

 

HAFENEGER: If you take the election results, especially in the eastern states and the Republic as a whole, and then the results of the "Mitte-Studien", the Thuringia Monitor, as a basis, then a considerable degree of antidemocratic and anti-human attitudes in parts of the population becomes apparent. These are absorbed, served and radicalized by the AfD and its "wing".

 

Has the dissolution ended the "wing" issue?

 

HAFENEGER: Not at all, because the network, the actors and ideology still exist. Given the large number of actors, supporters and delegates - the "wing" makes up about 40 percent of the AfD party congresses - they continue to shape and develop the direction of the AfD. It remains to be seen whether the party will change its name, hold more meetings or renounce it altogether; but if you dominate the AfD, that is no longer necessary. mei