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8. Mai: Deutsche haben keine hinreichende Lehren aus der Geschichte gezogen

In einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ) sagte Schuster, wer in Deutschland Regierungsverantwortung trage, der wisse um die andauernde Verantwortung aus der Nazizeit.

"Wenn wir Deutschland aber interpretieren als Staat mit all seinen Bewohnern und uns fragen, ob sie das ebenfalls verstanden und aus der Geschichte gelernt haben, so muss ich sagen, dass ich davon nie überzeugt war und es in der heutigen Zeit erst recht nicht bin", sagte der Zentralratspräsident. 

Schuster zeigte sich besorgt, dass ein gewisses Maß an Antisemitismus ein dauerhafter Fakt zu sein scheine. Hinzu käme eine gefährliche Geschichtsvergessenheit. "Sie ist gerade bei jüngeren Menschen nicht zu leugnen. Für sie ist der Zweite Weltkrieg gedanklich ähnlich weit entfernt wie das Kaiserreich; ein aktueller Bezug ist nicht mehr gegeben. Wenn rund die Hälfte der Jugendlichen den Begriff "Auschwitz" nicht kennt, läuft etwas schief", beklagte er. Gleichwohl sagte Schuster der "NOZ", es lasse sich heute in Deutschland gut leben - "auch als Jude". Viele Juden stünden auch außerhalb des Gemeindelebens zu ihren Wurzeln und bereicherten das Land. "Darüber freue ich mich, wenn Menschen wie Marina Weisband oder Oliver Polak in Politik und Kultur eine wichtige und ganz selbstverständliche Rolle spielen", sagte Schuster mit Blick auf das heutige jüdische Leben in Deutschland. 

Demographische Struktur ist nicht optimal

Nach der Kapitulation des Deutschen Reichs am 8. Mai 1945 lebten noch Hunderttausende Juden in Deutschland, viele als befreite Insassen aus den Konzentrationslagern. Die Zahl jüdischer Gemeindeglieder sank dann rasch auf einen Tiefststand von rund 30.000 in den 1980er-Jahren, bevor viele Juden als Flüchtlinge aus der Sowjetunion nach Deutschland kamen. Die Zahl aktueller Gemeindemitglieder gab Schuster mit rund 100.000 an. "Im Moment sehen wir einen jährlichen Rückgang von 700 bis 800. Die demografische Struktur ist da nicht ganz optimal." 

Antisemitisforschung in Deutschland stärken

Schuster sprach sich dafür aus, die Antisemitismusforschung in Deutschland zu stärken. Unter anderem gehe es darum, Lehrern ein besseres Rüstzeug an die Hand zu geben. "Fragen Sie mal einen Lehrer, was er machen würde, wenn ein Schüler auf dem Schulhof einen anderen als Jude beschimpft. Wenn die Lehrer ehrlich sind, werden viele sich nicht zu helfen wissen und darüber hinweggehen." pm, ots

 

English version

 

75 years after the end of the Second World War, the President of the Central Council of Jews in Germany, Josef Schuster, has expressed doubt that the Germans have learned sufficient lessons from the past. In an interview with the newspaper "Neue Osnabrücker Zeitung" (NOZ), Schuster said that those who had governmental responsibility in Germany were aware of the ongoing responsibility from the Nazi era.

 

"However, if we interpret Germany as a state with all its inhabitants and ask ourselves whether they have also understood this and learned from history, I must say that I was never convinced of this and certainly am not in this day and age," said the Central Council President. 

 

Schuster expressed his concern that a certain degree of anti-Semitism seems to be a lasting fact. On top of that, there is a dangerous oblivion of history. "It cannot be denied, especially among younger people. For them, the Second World War is as far away in their minds as the Empire; there is no longer a current reference to it. If about half of the young people do not know the term 'Auschwitz', something goes wrong", he lamented. Nevertheless, Schuster told the "NOZ" that it is possible to live well in Germany today - "even as a Jew". Many Jews were also standing to their roots outside of community life and enriching the country. "I am delighted when people like Marina Weisband or Oliver Polak play an important and self-evident role in politics and culture," said Schuster, referring to Jewish life in Germany today. 

 

After the capitulation of the German Reich on May 8, 1945, hundreds of thousands of Jews were still living in Germany, many as liberated inmates from the concentration camps. The number of Jewish community members then quickly dropped to a low of about 30,000 in the 1980s, before many Jews came to Germany as refugees from the Soviet Union. Schuster put the number of current parishioners at around 100,000. "At the moment we see an annual decline of 700 to 800. The demographic structure is not ideal." 

 

Schuster advocated strengthening anti-Semitism research in Germany. Among other things, he said, teachers should be given better tools. "Ask a teacher what he would do if a student called someone else a Jew in the schoolyard. If teachers are honest, many won't know what to do." pm, ots, mei

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