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"Es war an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren"

Beide Spielerinnen spielen nicht nur sehr erfolgreich im Ausland, sie gelten auch als Vorbilder in vielerlei Hinsicht außerhalb des Platzes. Beide sahen sich in den vergangenen Jahren mit gesundheitlichen Schicksals-schlägen konfrontiert und fanden sich in einer Situation wieder, in der eine Karriere auch schnell vorbei hätte sein können. In einem exklusiven Doppel-Interview für den Deutschen Fußball Botschafter sprechen sie offen über Corona, Werte & ihr Leben im Ausland.

 

 

Woraus haben Sie Ihre Kraft geschöpft, Ihre Krankheiten zu überwinden und so schnell wieder auf dem Platz zu stehen?

 

Dzsenifer Marozsán: Meine größte Angst war, dass der Arzt mir mitteilt kein Fußball mehr spielen zu dürfen. Das war mit Abstand meine allergrößte Sorge. Aber als er mir dann sagte, dass ich nur wenige Monate aussetzen werde und er mich danach wieder langsam, Schritt für Schritt in Form bringen kann, wusste ich von diesem Moment an, dass ich alles daransetzen werde, wieder auf dem Platz zurück zu kehren. Auch wenn es nicht einfach war und ich viel Geduld benötigte. In dieser Zeit waren meine Familie und meine engsten Freunde für mich da und haben mir die Kraft gegeben, die ich brauchte, wenn ich mal am Zweifeln war. Ich bin sehr, sehr dankbar dafür, dass ich von solch wundervolle Menschen umgeben bin.

 

Ann-Katrin Berger: Natürlich war meine Familie ein großer Faktor, der mir dabei geholfen hat, wieder gesund zu werden, aber auch der Fußball hat mir dabei geholfen. Ich brauchte einfach ein Ziel. Ich habe meine ganze Kraft hinein investiert, wieder dahin zurück zu kommen, was ich mein Leben lang geliebt habe und dabei haben mir insbesondere zwei Personen geholfen, besser zurück zu kommen als zuvor. Das waren meine Mitspielerin Jess Carter und meine damalige Torwarttrainerin Leanne Hall. Beide waren bei jedem Arzttermin dabei, egal ob es kleine oder große Termine waren. Sie waren immer da und haben mir geholfen. Vor allem war es immer wieder bei den Arztterminen von unschätzbarem Wert, die beiden dabei zu haben, weil es zum Bespiel bei den Arztgesprächen wichtig war, Vertrauenspersonen um sich zu haben, die zu 100% die medizinische Sprache verstanden. Dadurch konnte bei mir von vornherein dabei keine Verunsicherung entstehen.  

 

Sie sind beide schon früh in Ihrer Karriere ins Ausland gegangen. Was hat Sie damals zu der Entscheidung bewogen, den Schritt ins Ausland mit 23 bzw. 24 Jahren zu wagen?

 

Marozsán: Ich bin sehr jung in die Bundesliga gestartet. Von daher war es für mich an der Zeit etwas Neues auszuprobieren. Auch wenn ich eine Person bin, die mit der Familie sehr verbunden ist, wollte ich eine neue Herausforderung angehen. Und das war der Grund für mich ins Ausland zu wechseln.

 

Berger: Ich wollte einfach so viel wie möglich und auch international lernen und ich dachte, es ist wie im Schulfach Geschichte. Jedes Land hat seine eigene Kultur und das ist auch im Fußball so. Jede Liga hat ihre Besonderheit. Jeder Verein seine Philosophie.

 

Wie sehen Sie die Entwicklung des Frauenfußballs in Frankreich beziehungsweise England im Vergleich zur deutschen Liga?

 

Marozsán: Der Vergleich zwischen Frankreich und Deutschland - es ist in meinen Augen fast identisch. Leider ist es in beiden Ländern so, dass nur zwei, maximal drei Vereine die Liga dominieren und danach ist erst einmal ein gewisser Abstand zu den nächsten Clubs. Zur englischen Liga kann ich mich nicht wirklich äußern, weil ich bisher dort keine Erfahrungen gemacht habe und keine intensive Einblicke in die komplette Liga besitze. Aber was das Marketing angeht, ist England uns in Deutschland, wie auch den Teams aus Frankreich, voraus. In dieser Hinsicht haben sie sich in den letzten Jahren enorm entwickelt und vermarkten den Frauenfußball dort sehr professionell.

 

Berger: Man muss sagen, dass der englische Fußball sich in den letzten Jahren sehr stark entwickelt hat. Die Mannschaften sind sehr stark in ihrer eigenen Individualität, was die Liga sehr stark macht.

 

Würden Sie mehr Spielerinnen raten ins Ausland zu wechseln, um Erfahrungen zu sammeln?

 

Marozsán: Ich möchte jetzt nicht Spielerinnen aus Deutschland weglocken. Die deutsche Liga gehört zu den besten Ligen in Europa. Dennoch kann ich nur empfehlen, dass man diese Erfahrung im Ausland macht. Es bringt dich wirklich auch als Mensch weiter. Man lernt eine neue Kultur, Sprache und Lebensstil kennen.

 

Berger: Auf jeden Fall, ich würde es jeder Einzelnen raten, wenn ich gefragt werde.

 

Welche Träume würden Sie sich gerne in Ihrer Karriere und persönlicher Natur noch verwirklichen?

 

Marozsán: Mein größter Traum und mein Wunsch ist es eigentlich nur, dass ich und meine Familie weiterhin gesund bleiben. Sportlich gesehen hoffe ich, noch lange auf höchstem Niveau spielen zu dürfen und dann natürlich am besten auch erfolgreich.

 

Berger: Ich möchte mir so viele Erinnerungen wie möglich verschaffen, das heißt, möglichst viele Titel zu gewinnen.  Außerdem möchte ich mich jeden Tag weiterentwickeln, um besser zu werden. Was aber die Zukunft bringt, wird man sehen.

 

Als Botschafter des deutschen Fußballs im Ausland vertreten Sie die Werte und die Einstellung von (Fußball-) Deutschland - sowohl in der Nationalmannschaft als auch in Ihren Vereinen.  Sehen Sie sich selbst in einer besonderen Verantwortung dadurch?

 

Marozsán: Nein, ich sehe mich dadurch nicht speziell mehr in einer besonderen Verantwortung. Als Profisportler gehört das dazu. Ich bin so wie ich bin, auf und neben dem Platz. Verändern kann und möchte ich mich auch nicht.

 

Berger: Ich sehe mich als Athletin, die aus Deutschland kommt und versucht ihr Bestes im Ausland zu geben. Natürlich habe ich immer den Anspruch an mich selbst, auch ein Vorbild für Jüngere zu sein. Und nun rücke ich, als nominierte Botschafterin des deutschen Fußballs, in ein ganz anderes Licht. Darüber muss ich mir aber erst mal Gedanken machen, was das für mich bedeutet und welche Auswirkungen es haben wird.  

 

Auf der gesamten Welt sind deutsche Spielerinnen und Trainerinnen bei Nationalmannschaften, Vereinen, in Verbänden oder auch einzelnen Projekten tätig. Beispielsweise Anja Zivkovic, die diesjährig als Trainerin nominiert ist für den Deutschen Fußball Botschafter Award 2020 und bereits in über 50 Ländern Projekte begleitet oder geleitet hat. Oder die Fußballikonen Petra Landers (Nominierte 2019) und Monika Staab (Deutsche Fußball Botschafterin 2014), die sich beide im Ausland vielfach als Trainerinnen betätigen. Wäre es auch für Sie eine Option nach der Karriere als Trainerin im Ausland tätig zu sein? 

 

Marozsán: Zu meiner Zukunft nach dem Fußball kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch keine detaillierte Auskunft geben. Ich wünsche mir natürlich noch lange selber aktiv auf dem Platz zu stehen. Ich liebe die Welt des Fußballs sehr und von daher kann ich mir gut vorstellen auch nach meiner Karriere im Fußballbereich tätig zu sein. Ob ich die Persönlichkeit mitbringe mal als Cheftrainer zu arbeiten, bezweifele ich derzeit ein wenig, da ich eher eine sehr ruhige Person bin. Aber ich würde es nicht als ausgeschlossen sehen.

 

Berger: Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich bin noch sehr fokussiert auf meine aktuelle Aufgabe als aktive Athletin. Aber man weiß nie, was sich entwickelt. Die Dinge können sich schnell ändern und ich lebe bei einer solchen Frage den Standpunkt: „Sag niemals nie“.

pm, Quelle: Deutscher Fußball Botschafter

 

English version

 

Dzsenifer Marozsán (Olympique Lyon) and Ann-Katrin Berger (Chelsea FCW) won the championship with their clubs and are model ambassadors of German football; it is no coincidence that both players were nominated for the German Football Ambassador Audience Award 2020, where they took second and fifth place respectively. Both players not only play very successfully abroad, they are also regarded as role models in many ways off the pitch. Both players have been confronted with health problems in recent years and found themselves in a situation where a career could have been over very quickly. In an exclusive double interview for the German Football Ambassador, they talk openly about Corona, values & their life abroad.

 

What gave you the strength to overcome your illnesses and get back on the pitch so quickly?

 

Dzsenifer Marozsán: My biggest fear was that the doctor told me that I would not be allowed to play football anymore. That was by far my biggest worry. But when he told me that I'd only be out for a few months and that he could bring me back into shape slowly, step by step, I knew from that moment on that I would do everything I could to get back on the pitch. Even if it was not easy and I needed a lot of patience. During this time my family and my closest friends were there for me and gave me the strength I needed when I was in doubt. I am very, very grateful to be surrounded by such wonderful people.

 

Ann-Katrin Berger: Of course, my family was a big factor in helping me to get well again, but football also helped me. I simply needed a goal. I put all my energy into getting back to what I loved all my life and two people in particular helped me to get back better than before. These were my team-mate Jess Carter and my goalkeeping coach at the time, Leanne Hall. Both of them were there for every doctor's appointment, no matter whether it was a small or large appointment. They were always there and helped me. Above all, it was invaluable to have both of them present at the doctor's appointments, because it was important to have someone you trust around you who understood 100% of the medical language. This meant that I could not feel insecure right from the start.  

 

You both went abroad early in your career. What made you decide to go abroad at the age of 23 or 24?

 

Marozsán: I started in the Bundesliga very young. So it was time for me to try something new. Even though I am a person who is very attached to the family, I wanted to take on a new challenge. And that was the reason for me to move abroad.

 

Berger: I simply wanted to learn as much as possible and also internationally and I thought it was like learning history at school. Every country has its own culture and that's the same in football. Every league has its own special features. Every club has its philosophy.

 

How do you see the development of women's football in France or England compared to the German league?

 

Marozsán: The comparison between France and Germany - it is almost identical in my opinion. Unfortunately in both countries it is the case that only two, maximum three clubs dominate the league and after that there is a certain gap between the next clubs. I can't really comment on the English league, because I haven't had any experience there so far and I don't have an intensive insight into the whole league. But when it comes to marketing, England is ahead of us in Germany, as well as the teams from France. In this respect, they have developed enormously in recent years and market women's football there very professionally.

 

Berger: One has to say that English football has developed very strongly in recent years. The teams are very strong in their own individuality, which makes the league very strong.

 

Would you advise more female players to move abroad to gain experience?

 

Marozsán: I don't want to lure female players away from Germany now. The German league is one of the best leagues in Europe. Nevertheless, I can only recommend that you make this experience abroad. It really helps you as a person. You get to know a new culture, language and lifestyle.

 

Berger: In any case, I would advise it to each and every one of you, if I am asked.

 

What other dreams would you like to realize in your career and personal nature?

 

Marozsán: My biggest dream and wish is actually only that I and my family will continue to be healthy. From a sporting point of view, I hope to be able to play at the highest level for a long time to come and then, of course, to be successful.

 

Berger: I want to make as many memories as possible, that means winning as many titles as possible.  In addition, I want to develop myself every day to become better. But we'll see what the future brings.

 

As an ambassador for German football abroad, you represent the values and attitude of (football) Germany - both in the national team and in your clubs.  Do you see yourself as having a special responsibility in this?

 

Marozsán: No, I don't see myself as having a special responsibility because of it. As a professional athlete that is part of it. I am the way I am, on and off the court. I can't and don't want to change myself either.

 

Berger: I see myself as an athlete who comes from Germany and tries to give her best abroad. Of course I always have the claim to myself to be a role model for younger people. And now, as the nominated ambassador for German football, I am moving into a completely different light. But first I have to think about what this means for me and what effects it will have.  

 

All over the world, German players and coaches are active in national teams, clubs, associations and individual projects. Anja Zivkovic, for example, who has been nominated this year as a coach for the German Football Ambassador Award 2020 and has already accompanied or managed projects in over 50 countries. Or the football icons Petra Landers (nominated 2019) and Monika Staab (German Football Ambassador 2014), both of whom are often active as coaches abroad. Would it also be an option for you to work abroad after your career as a coach? 

 

Marozsán: At the moment I cannot give any detailed information about my future after football. Of course, I would like to remain active on the pitch for a long time to come. I love the world of football very much and I can imagine working in football after my career. Whether I have the personality to work as a head coach, I doubt a little bit, because I am a very calm person. But I would not see it as impossible.

 

Berger: I can't say that yet. I am still very focused on my current job as an active athlete. But you never know what will develop. Things can change quickly and I live with the attitude "never say never" when it comes to such a question.

pm, mei, Source: German Football Ambassador

 

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