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Die AfD im Landtag: "Der Untergang der Republik wird an die Wand gemalt"

Herr Hafeneger, die AfD ist neu im Hessischen Landtag. Hat sie auch frischen Wind ins Parlament gebracht?

 

BENNO HAFENEGER: Mit einer neuen Partei im Parlament mussten zunächst alle anderen Parteien lernen umzugehen, dabei war klar, dass man es mit einer im Kern rechtspopulistischen und nationalistischen Partei zu tun hat. Gleichzeitig musste die AfD zunächst die Parlamentsarbeit lernen. In der ersten Phase war es weniger frischer Wind als unauffälliges Verhalten. Das änderte sich sukzessive, und ab Mitte 2019 wurde sie in ihrem Auftreten wiederholt aggressiver und ausfallender, das Parlamentsgeschehen wurde durch die AfD rauher und ruppiger.

 

Was zeichnet die AfD in ihrer parlamentarischen Arbeit aus?

 

HAFENEGER: Es sind zwei Bilder erkennbar. Auf der einen Seite versucht sie seriös und fleißig zu wirken, das zeigen ihre Präsenz im Plenum und die große Zahl vor allem von Kleinen Anfragen und Anträgen zu allen möglichen Themen. Auf der anderen Seite ist ihre wiederkehrende Argumentation durchzogen von Stimmungsmache gegen soziale Gruppen und hier vor allem gegen unbegleitete minderjährige Geflüchtete, dann gegen die Geschlechterforschung, gegen engagierte demokratische und kulturelle Initiativen. Weiter wird der Klimawandel geleugnet und kritisiert sie die Fridays for Future-Demonstrationen. Die Fraktion versucht sich im Parlament als „Kümmererpartei“ und als Anwalt von Sicherheit und Ordnung, der heimischen Wirtschaft und des Handwerks zu gerieren.

 

Ist eine soziale Struktur der Parlamentarier erkennbar? Unterscheidet sie sich hier von anderen Parteien?

 

HAFENEGER: Die Abgeordneten kommen aus unterschiedlichen Berufen der bürgerlichen Gesellschaft und die Zusammensetzung der Fraktion ist heterogen. Es gibt kaum jüngere Abgeordnete und die Fraktion kann als eine ältere Männerfraktion charakterisiert werden. In der 18-köpfigen Fraktion gibt es nur eine Frau, und es gibt keinen Abgeordneten mit Migrationshintergrund.

 

Beschreiben Sie doch einmal die Sprache und Rhetorik der AfDler? Wie agieren die anderen Parteien in dieser Hinsicht?

 

HAFENEGER: Mit Begriffen wie „Altparteien“ und „Staatsversagen“ oder „Gender-Unfug“, einer skandalisierenden und provozierenden Rhetorik wird der Untergang der Republik beziehungsweise des Landes an die Wand gemalt. Dann zeigen die Wortbeiträge und Formulierungen in den Anfragen zwei Merkmale; mal wird mehr technisch, verdeckt und subtil und mal mehr offen, direkt und aggressiv deutlich, was die AFD will. Dabei werden immer auch Vermutungen und Unterstellungen formuliert, politische und gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen werden ethnisiert und kulturalisiert. Es wird versucht, das Parlament als Bühne für ihre Botschaften zu nutzen und die politische Kultur nach rechts zu verschieben. So sieht sie zum Beispiel eine „Frühsexualisierung“ in der Schule und eine linksextreme Bildungswelt oder sie bewertet Investitionen in den Klimaschutz und eine Wende in der Energiepolitik als Verschwendung von Steuermitteln.

 

Was sind die zentralen Themen der AfD im Landtag? Gelingt es ihr Themen zu setzen?

 

HAFENEGER: Sie nimmt alle möglichen Landesthemen auf, aber ihre typischen Themenzentren dominieren. Das sind Migration und Einwanderung, innere Sicherheit, Schule und Bildung, Linksextremismus, Gender und Kritik an der liberalen und pluralistischen Demokratie. Die Forderungen nach Mittelkürzungen oder Streichung im Landeshaushalt 2020 beziehen sich vor allem auf die Arbeit mit Geflüchteten, Migration und Integration. Hier werden ganze Arbeitsbereiche als überflüssig erklärt und sollen abgeschafft werden. In solchen Anträgen wird die ausgrenzende, menschen- und fremdenfeindliche Orientierung besonders deutlich.

 

Mit welcher Partei im Landtag hat die AfD die größten Gemeinsamkeiten?

 

HAFENEGER: Gemeinsamkeiten im demokratiepolitischen Sinne oder in politischen Konzepten sehe ich keine, aber sie ist auf der Suche nach Kontakten, Anerkennung und Zugehörigkeit. Dabei stimmt sie schon mal Anträgen der FDP zu und versucht sich anzubiedern; und sie spendet im Parteienstreit wiederholt Beifall, wenn es gegen die SPD, Linke oder die Grünen geht.

 

Wie verhalten sich die anderen Parteien gegenüber der AfD?

 

HAFENEGER: Bei einem förmlich korrekten Umgang wird maximale Distanz gehalten. Generell hat der Umgang mehrere Facetten, die von ignorieren, abgrenzen, auseinandersetzen bis zum entzaubern reichen. Es gibt wiederholt deutliche und harte inhaltliche Auseinandersetzungen mit ihren Begriffen, Argumenten und Positionen. Dabei ist es bereits mehrfach zu Eklats gekommen.

 

Wie schätzen sie die parlamentarischen Erfolgsaussichten der „Protestpartei“ AfD künftig ein?

 

HAFENEGER: Als Oppositionspartei hat sie keine Gestaltungsoption und Erfolg kann man nur haben, wenn kluge und zukunftsweisende Initiativen und Alternativen in die Politik eingebracht werden. Diese müssen die anderen Parteien in Begründungs- und „Zugzwang“ bringen. Das sehe ich bisher und auch in Zukunft nicht; nur Kritik und Ablehnung, Stimmungsmache und sich als gegen die Anderen zu positionieren ist keine konstruktive Oppositionsarbeit. Ein ernsthafter Wettbewerber um die Zukunftsfragen des Landes ist sie nicht. mei

 

Buchhinweis: Benno Hafeneger, Hannah Jestädt, Die AfD im hessischen Landtag - Ein neuer Politikstil und seine Auswirkungen, Wochenschau Verlag, Frankfurt am Main 2020, 168 Seiten, 14,90 Euro

 

English version

 

Political Party researchers Benno Hafeneger and Hannah Jestädt have examined the political style of the AfD in the Hessian state parliament.

 

Mr. Hafeneger, the AfD is new in the Hessian parliament. Has it also brought a breath of fresh air into parliament?

 

BENNO HAFENEGER: With a new party in parliament, all the other parties had to learn to deal with it first, and it was clear that we were dealing with a party that was essentially right-wing populist and nationalist. At the same time, the AfD first had to learn how to work in parliament. In the first phase it was less a breath of fresh air than inconspicuous behaviour. This changed gradually, and from mid-2019 onward, the party's appearance became more aggressive and more conspicuous, and parliamentary activity became rougher and rougher due to the AfD.

 

What distinguishes the AfD in its parliamentary work?

 

HAFENEGER: There are two recognizable images. On the one hand, it tries to appear serious and hard-working, which is shown by its presence in the plenary and the large number of mainly small questions and motions on all kinds of topics. On the other hand, her recurring argumentation is pervaded by propaganda against social groups, especially against unaccompanied minors, then against gender studies, against committed democratic and cultural initiatives. She also denies climate change and criticizes the Fridays for Future demonstrations. The group is trying to present itself in Parliament as a "caretaker party" and as an advocate of security and order, the domestic economy and crafts.

 

Is a social structure of the parliamentarians recognizable? Is this what distinguishes it from other parties?

 

HAFENEGER: The members of parliament come from different professions in civil society and the composition of the parliamentary group is heterogeneous. There are hardly any younger members of parliament and the group can be characterised as an older male group. There is only one woman in the 18-member group and there are no members with a migration background.

 

Could you describe the language and rhetoric of the AfDlers? How do the other parties act in this respect?

 

HAFENEGER: With terms like "old parties" and "state failure" or "gender nonsense", a scandalizing and provocative rhetoric, the downfall of the republic or the country is painted on the wall. Then the contributions and formulations in the questions show two characteristics; sometimes it becomes more technical, covert and subtle, and sometimes more open, direct and aggressive, what the FSC wants. In the process, assumptions and insinuations are always formulated, political and social problems and challenges are ethnicized and culturalized. Attempts are made to use parliament as a stage for their messages and to shift the political culture to the right. For example, it sees "early sexualisation" at school and a left-wing extremist world of education, or it evaluates investments in climate protection and a turnaround in energy policy as a waste of tax money.

 

What are the central themes of AfD in the Landtag? Does it succeed in setting themes?

 

HAFENEGER: It takes up all sorts of national themes, but its typical theme centres dominate. These are migration and immigration, internal security, school and education, left-wing extremism, gender and criticism of liberal and pluralistic democracy. The demands for cuts or cancellations in the state budget for 2020 relate primarily to work with refugees, migration and integration. Here, entire areas of work are declared superfluous and should be abolished. In such motions, the exclusionary, misanthropic and xenophobic orientation becomes particularly clear.

 

With which party in the state parliament does the AfD have the greatest common ground?

 

HAFENEGER: I don't see any common ground in the democratic-political sense or in political concepts, but it is looking for contacts, recognition and affiliation. In doing so, it sometimes agrees with the FDP's proposals and tries to curry favour with them; and in party disputes it repeatedly applauds the SPD, the Left Party or the Greens.

 

How do the other parties behave towards the AfD?

 

HAFENEGER: When dealing with them in a formally correct way, maximum distance is kept. In general, there are several facets to dealing with the AfD, ranging from ignoring, demarcating, arguing to disenchanting. There are repeatedly clear and hard content-related discussions of their terms, arguments and positions. This has already led to several scandals.

 

How do you assess the parliamentary chances of success of the "protest party" AfD in the future?

 

HAFENEGER: As an opposition party, it has no option to shape the future, and success can only be achieved if clever and forward-looking initiatives and alternatives are introduced into the political arena. mei

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