· 

Ex-Schalke-Vorstand: "Ohne wirtschaftliche Stabilität hat kein Proficlub die Chance, wettbewerbsfähig zu bleiben"

Die wirtschaftliche Entwicklung eines Fußballclubs zeichnet Peter Peters am Beispiel des Bundesligavereins FC Schalke 04 in unserem Interview nach. Peters (Jahrgang 1962) war Finanzvorstand des traditionsreichen Clubs aus dem Ruhrgebiet und will laut Medienberichten demnächst für den Aufsichtsrat des Vereins kandidieren.

 

Der Diplom-Kaufmann studierte Betriebswirtschaft an der TU in Dortmund. Ab 1987 arbeitete Peters für unterschiedlich Medien (RevierSport, Westfälische Rundschau, Westdeutsche Allgemeine Zeitung) in Nordrhein-Westfallen. Im Jahr 1991 wechselte Peters ins Fußballmanagement und wurde stellvertretender Geschäftsführer des 1. FC Kaiserslautern. Zwei Jahre später wechselte er dann Management des FC Schalke 04. Der Club stattete ihn 2012 mit einem unbefristeten Vertrag aus.

 

Herr Peters, Sie sind seit fast 30 Jahren mit dem professionellen Fußball in den verschiedensten Funktionen eng verbunden. Wie hat sich der Fußball in dieser Zeit verändert?

 

PETER PETERS: Der Fußball hat sich in den letzten 30 Jahren enorm entwickelt. Wenn man sich allein die wirtschaftlichen Zahlen und die Reichweite heute im Vergleich zu früher anschaut, sieht man, dass der Fußball nach wie vor boomt und so viele Menschen weltweit erreicht wie nie zuvor.

 

Wenn Sie auf ihren Verein, den FC Schalke 04, blicken: Welche Entwicklung hat der Club in ihrer Ära genommen?

 

PETERS: Im Jahr 1993 habe ich auf Schalke als Geschäftsführer begonnen und bin 1994 in den Vorstand gerückt, damals mit dem Ressort Organisation. Wenn wir Schalke 04 Mitte der 90er Jahre mit dem heutigen Schalke vergleichen, hat sich der Verein enorm entwickelt. Er ist 1991 in die Bundesliga zurückgekehrt, danach ging es mehrere Jahre erst einmal darum, sich dort zu etablieren und zu stabilisieren. Letztlich war neben dem Gewinn des UEFA-Cups 1997 vor allem die Entscheidung, die Veltins-Arena zu bauen, ein Meilenstein für die gesamte Anziehungskraft des Vereins.

 

Wir haben im Vorstand mit Rudi Assauer, Josef Schnusenberg und Gerhard Rehberg gemeinsam beschlossen, mutig zu investieren und damit Werte zu schaffen. Das hat sich ausgezahlt – ebenso wie die Strategie, Inhaber sämtlicher Rechte in den Bereichen Vermarktung und Catering zu bleiben. So ist Schalke 04 zu dem Verein geworden, der er heute ist – mit über 160.000 Mitgliedern einer der fünf größten Sportvereine der Welt, der in den vergangenen 19 Jahren 17 Mal in den internationalen Wettbewerben vertreten war.

 

Können Sie am Beispiel des FC Schalke 04 beschreiben, wie sich ein Proficlub im Laufe der Jahre professionalisiert hat? 

 

PETERS: Dafür kann man mehrere Faktoren heranziehen: vom Stadion über die Mitarbeiterzahlen bis hin zum Vereinsgelände. Wie beschrieben, hat sich der Verein mit Eröffnung der Veltins-Arena völlig neue Möglichkeiten geschaffen – auch abseits des Fußballs in Hinblick auf zahlreiche Konzerte und Veranstaltungen. Damit einher geht ein enormer Komfortfaktor für die Zuschauer, ein breites Getränke- und Speisenangebot.

 

Dazu haben wir die Trainingsbedingungen erheblich professionalisieren können, sei es mit Trainingsplätzen oder auch mit dem Profileistungszentrum. Da sich im Verlaufe der Jahre auch die Reichweite und Strahlkraft unseres Vereins enorm entwickelt hat, sind Organisation und Verwaltung auch gewachsen. Themen wie Internationalisierung und Digitalisierung waren vor 10 bis 15 Jahren noch weit weg – heute kümmern sich bei uns eigene Abteilungen in der Geschäftsstelle um diese Themen und wir führen sogar ein Büro in Shanghai. Diese Beispiele zeigen, dass ein Verein wie der FC Schalke 04 heute eine ganz andere Größe hat als vor einiger Zeit.

 

Welche wirtschaftliche Bedeutung hat ihr Club heute in der Region?

 

PETERS: Der FC Schalke 04 ist in einer Region beheimatet, die in den vergangenen 50 Jahren schwer vom Strukturwandel und dem Abschied von der Steinkohleförderung getroffen wurde. Daher hat der Verein seine soziale Verantwortung sehr genau definiert, misst ihr eine zentrale Bedeutung zu und sieht sich in der Verpflichtung, Fußball nicht nur als Weltgeschäft zu betrachten, sondern auch erhebliche regionalwirtschaftliche Effekte zu erzielen. Besonders von den Heimspielen der Königsblauen oder den vielen Konzerten und Veranstaltungen profitieren beispielsweise die städtische Gastronomie und Hotellerie. 

 

Wie drückt sich dieser wirtschaftliche Effekt in Zahlen aus?

 

PETERS: Mitarbeiterzahlen und Umsatzergebnisse des S04 sind die eines mittelständischen Unternehmens. Als attraktiver Arbeitgeber und der Region ist der Verein ein enorm bedeutender lokaler Imageträger. Seit Jahren schaffen die Königsblauen Arbeitsplätze im und um den Verein. Schalke bildet seine Nachwuchskräfte selbst aus und ist ein gefragter Ausbildungsbetrieb in der Region im kaufmännischen, gastronomischen oder elektrotechnischen Bereich. Insgesamt beschäftigt der Verein, inklusive der Spieler des Lizenzkaders, 537 Mitarbeiter im Konzern. An Spiel- und Veranstaltungstagen sind über 1.800 Menschen für den S04 tätig. 

 

Warum ist es notwendig, dass ein Proficlub wirtschaftlich solide aufgestellt ist?

 

PETERS: Ohne wirtschaftliche Stabilität hat kein Proficlub die Chance, wettbewerbsfähig zu bleiben und auch bald keine Lizenz mehr…

 

Stichwort Lizenz: Welche Voraussetzungen müssen die Clubs erfüllen, um die Lizenz Bundesliga zu erhalten?

 

PETERS: Die Lizenzierungsordnung regelt zahlreiche Faktoren: von der nachhaltigen Nachwuchsförderung der Clubs über professionelle Arbeitsbedingungen für die Medien bis hin zum Zustand der Stadien. Das Lizenzierungsverfahren stellt einen organisierten und funktionierenden Wettbewerb Jahr für Jahr sicher und hat dafür gesorgt, dass in der mehr als 50-jährigen Geschichte der Bundesliga noch kein Club aus finanziellen Gründen den Spielbetrieb während der Saison einstellen musste.

 

Eine solche wirtschaftliche Zuverlässigkeit erhöht die Qualität der Bundesliga und steigert in der Folge auch die Potenziale, die Clubs und Liga gemeinsam realisieren können. Dem MSV Duisburg wurde 2013 beispielsweise die Lizenz für die Zweitligasaison verweigert, weil die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nicht nachgewiesen wurde. 

 

Welchen ökonomischen Stellenwert hat die Bundesliga in Deutschland?

 

PETERS: Der deutsche Profifußball hat eine enorme ökonomische Stärke, die mit steten Umsatzsteigerungen einhergeht. In der Saison 2017/2018 haben Bundesliga und 2. Bundesliga insgesamt 4,42 Milliarden Euro erlöst. Das bringt auch einen erheblichen fiskalischen und volkswirtschaftlichen Effekt mit sich. Die Summe an Steuern und Abgaben der 36 Clubs betrug in der gleichen Saison insgesamt 1,28 Milliarden Euro. Gleichzeitig ist der Profifußball Arbeitgeber für viele Menschen – über 55.000 Menschen waren indirekt oder direkt dort beschäftigt. 

 

Wie sieht es in dieser Hinsicht im europäischen Fußball aus? 

 

PETERS: Es gibt zwei wesentliche Ziele, die man mit den Vorgaben erreichen möchte: Einmal sind die hohe Schuldenlast und die vielen Verbindlichkeiten, insbesondere aus Transfers, durch ein strenges Lizenzierungsverfahren deutlich reduziert worden. Zweitens wird durch das Financial Fairplay der Versuch unternommen, die enormen Zahlungen von Eigentümern und die damit verbundenen Auswirkungen auf den Wettbewerb zu reduzieren. 

 

Das Financial Fairplay wurde unter anderem wegen der Zahlung hoher Spielergehälter und immenser Transfersummen in Europa eingeführt. Konnte diese Regelung etwas bewirken?

 

PETERS: Financial Fairplay wurde eingeführt, um den Wettbewerb unterschiedlicher Wirtschaftssysteme – zwischen eingetragenen Vereinen. investorengeführten Clubs und auch die Situation mit Red Bull – fairer zu gestalten. Es ist allerdings rechtlich äußerst schwierig. Deswegen konnte es bisher, wie man in der Realität sieht, nicht viel bewirken. 

 

Man muss aber in diesem Zusammenhang auch noch etwas anderes bemerken: Bewirken bedeutet ja auch, dass Clubs, die aufholen wollen, kaum mehr aufholen können. Das heißt, der Status Quo wird dadurch festgeschrieben. Es ist eines der ganz großen Probleme, die wir haben, wenn man überlegt, dass Clubs wie Paris St. Germain oder der FC Chelsea – egal, wie man dazu steht – nur durch die Engagements von Katar beziehungsweise Roman Abramowitsch die europäische Fußballlandschaft verändert haben. Die Clubs sind so von unten nach oben gelangt. Wenn das zukünftig nicht mehr möglich ist, steht eins fest: Dann wird sich so gut wie nichts mehr verändern. 

 

Die 50+1-Regelung steht in Deutschland immer wieder in der Diskussion. Sollte Investoren mehr "Raum" im deutschen Profifußball eingeräumt werden?

 

PETERS: Ich lege mich da nicht fest, bin aber grundsätzlich der Auffassung, dass ein Wettbewerb mit unterschiedlichen Regelungen immer schwierig ist. Wir spielen alle im gleichen Wettbewerb, es wird allerdings immer schwieriger, je mehr Clubs es gibt, die 50+1 nicht mehr erfüllen müssen. Irgendwann hat man das Problem, dass es keine Chancengleichheit mehr gibt. 

 

Ein Blick in die Zukunft: Wie wird sich der Profifußball in 25 Jahren entwickelt haben?

 

PETERS: Alle Themen, über die wir uns heute aufregen, werden in 25 Jahren selbstverständlich sein. Wir werden dann neue Themen haben, die den Profifußball beschäftigen. 

 

Quelle: Dieter Hintermeier, Wirtschaftsmacht Fußball, Carl Hanser Verlag, München 2020

 

English version

 

In an interview with the Ex-Schalke 04 CFO, Peter Peters, he reflects on the economic importance of football and Schalke 04. The interview seems somewhat "out of time", as it was conducted before the outbreak of the pandemic in January 2020. Nevertheless, it still offers interesting insights into the (economic) world of professional football, also with a view to the desolate financial situation of the local club Schalke 04, which became public during the pandemic.

 

Peter Peters traces the economic development of a football club using the example of the Bundesliga club FC Schalke 04 in our interview. Peters (born 1962) was the CFO of the tradition-steeped club from the Ruhr area and, according to media reports, intends to run for the club's supervisory board soon.

 

The business graduate studied business administration at the Technical University in Dortmund. From 1987, Peters worked for various media (RevierSport, Westfälische Rundschau, Westdeutsche Allgemeine Zeitung) in North Rhine-Westphalia. In 1991, Peters switched to football management and became deputy managing director of 1. FC Kaiserslautern. Two years later, he moved to the management of FC Schalke 04, which awarded him a permanent contract in 2012.

 

Mr Peters, you have been closely associated with professional football for almost 30 years in a wide variety of functions. How has football changed during this time?

 

PETER PETERS: Football has developed enormously over the last 30 years. If you just look at the economic figures and the reach today compared to the past, you can see that football is still booming and reaching more people worldwide than ever before.

 

When you look at your club, FC Schalke 04: What development has the club taken in your era?

 

PETERS: I started at Schalke in 1993 as managing director and joined the board in 1994, at that time in charge of organisation. If we compare Schalke 04 in the mid-90s with Schalke today, the club has developed enormously. It returned to the Bundesliga in 1991, after which it took several years to establish and stabilise itself there. In the end, apart from winning the UEFA Cup in 1997, the decision to build the Veltins Arena was a milestone for the club's overall appeal.

 

We on the board with Rudi Assauer, Josef Schnusenberg and Gerhard Rehberg decided together to invest courageously and thus create value. This has paid off - as has the strategy of remaining the owner of all marketing and catering rights. This is how Schalke 04 has become the club it is today - one of the five biggest sports clubs in the world with over 160,000 members, which has been represented in international competitions 17 times in the past 19 years.

 

Can you use the example of FC Schalke 04 to describe how a professional club has become more professional over the years? 

 

PETERS: You can look at several factors: from the stadium to the number of employees to the club grounds. As described, the opening of the Veltins Arena has created completely new possibilities for the club - also away from football in terms of numerous concerts and events. This is accompanied by an enormous comfort factor for the spectators, a wide range of drinks and food.

 

In addition, we have been able to professionalise the training conditions considerably, be it with training pitches or also with the professional performance centre. Since the reach and appeal of our club has also developed enormously over the years, the organisation and administration have also grown. Topics such as internationalisation and digitalisation were still far away 10 to 15 years ago - today, we have our own departments in the office that deal with these topics and we even have an office in Shanghai. These examples show that a club like FC Schalke 04 has a completely different size today than it did some time ago.

 

What economic significance does your club have in the region today?

 

PETERS: FC Schalke 04 is based in a region that has been hit hard by structural change and the departure from coal mining over the past 50 years. Therefore, the club has defined its social responsibility very precisely, attaches central importance to it and sees itself as obliged not only to regard football as a global business, but also to achieve considerable regional economic effects. The city's gastronomy and hotel industry, for example, benefit particularly from the home matches of the Königsblauen or the many concerts and events. 

 

How is this economic effect expressed in figures?

 

PETERS: S04's staff numbers and turnover results are those of a medium-sized company. As an attractive employer and for the region, the club is an enormously important local image carrier. For years, the Königsblauen have been creating jobs in and around the club. Schalke trains its own junior staff and is a sought-after training company in the region in the commercial, gastronomic or electrotechnical fields. In total, the club employs 537 people, including the players of the professional squad. On match and event days, more than 1,800 people work for the S04. 

 

Why is it necessary for a professional club to be economically sound?

 

PETERS: Without economic stability, no professional club has a chance of remaining competitive and will soon no longer be able to obtain a licence...

 

Keyword licence: What requirements do the clubs have to fulfil in order to receive the Bundesliga licence?

 

PETERS: The licensing regulations govern numerous factors: from the sustainable promotion of young talent by the clubs to professional working conditions for the media and the condition of the stadiums. The licensing procedure ensures organised and functioning competition year after year and has ensured that in the more than 50-year history of the Bundesliga, no club has ever had to stop playing during the season for financial reasons.

 

Such economic reliability enhances the quality of the Bundesliga and subsequently also increases the potential that clubs and the league can realise together. In 2013, for example, MSV Duisburg was denied a licence for the second league season because its economic performance was not proven. 

 

What is the economic significance of the Bundesliga in Germany?

 

PETERS: German professional football has enormous economic strength, which goes hand in hand with constant revenue increases. In the 2017/2018 season, the Bundesliga and 2nd Bundesliga generated a total of 4.42 billion euros in revenue. This also brings with it a considerable fiscal and economic effect. The total of taxes and levies paid by the 36 clubs amounted to 1.28 billion euros in the same season. At the same time, professional football is an employer for many people - over 55,000 people were indirectly or directly employed there. 

 

What is the situation in European football in this respect? 

 

PETERS: There are two main goals to be achieved with the regulations: Firstly, the high debt burden and the many liabilities, especially from transfers, have been significantly reduced by a strict licensing procedure. Secondly, Financial Fair Play is an attempt to reduce the enormous payments from owners and the associated impact on competition. 

 

Financial Fair Play was introduced, among other things, because of the payment of high player salaries and immense transfer sums in Europe. Was this regulation able to make a difference?

 

PETERS: Financial Fair Play was introduced to make the competition between different economic systems - between registered clubs. investor-managed clubs and also the situation with Red Bull - fairer. However, it is extremely difficult from a legal point of view. That's why, as you can see in reality, it hasn't been able to achieve much so far. 

 

In this context, however, one must also note something else: Effecting also means that clubs that want to catch up can hardly catch up any more. In other words, the status quo is thereby entrenched. It is one of the biggest problems we have when we consider that clubs like Paris St. Germain or Chelsea FC - no matter what one thinks of them - have only changed the European football landscape through the involvement of Qatar and Roman Abramovich. In this way, the clubs have risen from the bottom to the top. If this is no longer possible in the future, one thing is certain: then virtually nothing will change. 

 

The 50+1 rule is always under discussion in Germany. Should investors be given more "room" in German professional football?

 

PETERS: I'm not going to commit myself to that, but I'm basically of the opinion that competition with different regulations is always difficult. We are all playing in the same competition, but it becomes more and more difficult the more clubs there are that no longer have to comply with 50+1. At some point you have the problem that there is no more equality of opportunity. 

 

 A look into the future: How will professional football have developed in 25 years?

 

PETERS: All the issues we are upset about today will be taken for granted in 25 years. We will then have new issues to deal with in professional football. 

 

Source: Dieter Hintermeier, Wirtschaftsmacht Fußball, Carl Hanser Verlag, Munich 2020 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0