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EM 2020: Joachim Löws Abschied mit einem sportlichem Debakel

Zum rechten Zeitpunkt abzutreten ist eine Kunst. Nicht jedem gelingt es. Auf dem Gipfel des Erfolges trübt einem bisweilen der Höhenrausch die Sinne.

 

Er gaukelt einem vor, unverzichtbar und sowieso einzigartig zu sein. Helmut Kohl etwa, der gefeierte Kanzler der Einheit, führte seine Partei sehenden Auges und selbstherrlich ins Debakel bei der Bundestagswahl 1998.

 

Joachim Löw stand im Juli 2014 ebenfalls auf einem einsamen Gipfel. Er hätte sich nach dem Triumph von Rio de Janeiro im Endspiel gegen Argentinien mit dem ewigen Ruhm des Weltmeistertrainers von der deutschen Nationalmann-schaft verabschieden können. Er verwarf diesen Gedanken, sofern er ihn denn jemals im Stillen erwogen hatte. Jogi Löw hatte noch nicht fertig, um es auf Fußballdeutsch zu sagen.

 

Es fällt leicht, Löws Wirken zu verdammen

 

Im Lichte des zweiten Desasters bei einem großen Turnier fällt es nunmehr leicht, Joachim Löws Wirken zu verdammen. Das wird seiner Ära als Bundestrainer jedoch nicht gerecht. Die Mannschaft, die 2014 in Brasilien die Fußballwelt verzückte, war sein Geschöpf. Er hat sie entwickelt und geformt. Und das immer noch surreal anmutende 7:1 im Halbfinale gegen die Auswahl des Gastgebers bleibt ein funkelnder Diamant in der langen deutschen Länderspielgeschichte. Löw war zudem in guten wie in schlechten Zeiten ein sympathischer sportlicher Repräsentant des Landes. Das sollte man nicht gering schätzen, zumal es nicht auf jeden seiner Vorgänger zutraf.

 

Brasilien war der Wendepunkt

 

Das Championat in Brasilien war der Wendepunkt. Löw nahm aus dem Turnier die persönliche Gewissheit mit, alle Widerstände überwinden zu können, sofern er sich denn treu bleibt. So wurde in der Folge aus Selbstbewusstsein peu à peu Selbstgefälligkeit, und die schon vorher zu beobachtende Sturheit verwandelte sich in Starrsinn.

 

Elf verstand sich nicht einmal auf harte Arbeit

 

Zur Weltmeisterschaft 2018 in Russland entsandte er ein Ensemble, das auf der Weltbühne seine Idee vom schönen Fußball zelebrieren sollte. Allein, seine bedauernswerte Elf verstand sich nicht einmal auf harte Arbeit. Arrogant, so hat Löw selbst in seiner Analyse das Auftreten damals genannt. Aber statt die richtigen Lehren aus dieser bitteren Pleite zu ziehen, verrannte er sich vollends. Er wollte eine junge, herzerfrischend aufspielende Mannschaft aufbauen, wie es ihm 2010 bei der Weltmeisterschaft in Südafrika eindrucksvoll gelungen war.

 

Überstürzte Rolle rückwärts

 

Als er endlich registrierte, dass es dafür einigen Akteuren am notwendigen Talent gebricht, probte er die überstürzte Rolle rückwärts und holte die zuvor aussortierten alten Haudegen zurück. Es wurde ihm nicht gedankt, wie die EM gezeigt hat. Wenn man so will, hat Joachim Löw sein einst eindrucksvolles Erbe selbst zertrampelt.

Nachfolger Hansi Flick steht vor einer Grundsatzentscheidung. Führt er den Kurs seines ehemaligen Chefs im Großen und Ganzen fort oder wagt er den harten Schnitt? Die Zeit bis zur WM in Katar ist verdammt knapp bemessen, es bleiben rund eineinhalb Jahre. Waghalsige Experimente verbieten sich da eigentlich. Das frustrierte Fußballvolk pocht auf baldige Besserung.

 

Elitekicker sind in der Normalität angekommen

 

Will man dem allzu frühen Aus bei der Europameisterschaft einen positiven Aspekt abgewinnen, dann vielleicht diesen: Deutschlands Elitekicker sind in der sportlichen Normalität angekommen. Durststrecken, wie wir gerade eine erleben, hatten auch andere große Fußballnationen wie England, Italien oder Holland schon zu überstehen. Sie sollten halt nur nicht ewig andauern, bitte schön!

pm, ots, Quelle: Mittelbayerische Zeitung

 

English version

 

Stepping down at the right time is an art. Not everyone succeeds. At the peak of success, the intoxication of the high sometimes clouds the senses.

 

It makes you think you are indispensable and unique anyway. Helmut Kohl, for example, the celebrated chancellor of unity, led his party into the debacle of the 1998 Bundestag elections with his eyes wide open and self-important.

 

Joachim Löw also stood at a lonely summit in July 2014. He could have bid farewell to the German national team after the triumph in Rio de Janeiro in the final against Argentina with the eternal glory of the world champion coach. He dismissed this idea, if he had ever considered it in silence. Jogi Löw was not finished yet, to put it in football German.

 

It is easy to condemn Löw's work

 

In the light of the second disaster at a major tournament, it is now easy to condemn Joachim Löw's work. But that does not do justice to his era as national coach. The team that enraptured the football world in Brazil in 2014 was his creation. He developed and shaped it. And the still surreal 7:1 in the semi-final against the host selection remains a sparkling diamond in Germany's long international history. Löw was also a likeable sporting representative of the country in good times and bad. This should not be underestimated, especially as it was not true of all his predecessors.

 

Brazil was the turning point

 

The championship in Brazil was the turning point. Löw took away from the tournament the personal certainty that he could overcome all obstacles, provided he remained true to himself. As a result, self-confidence gradually turned into complacency, and the stubbornness that had already been evident turned into stubbornness.

 

Eleven did not even know how to work hard

 

For the 2018 World Cup in Russia, he sent an ensemble to celebrate his idea of beautiful football on the world stage. Alone, his pitiful eleven did not even know how to work hard. Löw himself called the performance arrogant in his analysis at the time. But instead of learning the right lessons from this bitter defeat, he completely lost his way. He wanted to build up a young, refreshing team, as he had done so impressively at the 2010 World Cup in South Africa.

 

Hasty roll backwards

 

When he finally realised that some of the players lacked the necessary talent, he rushed into a backward roll and brought back the old warhorses he had previously sorted out. He was not thanked, as the European Championship showed. If you like, Joachim Löw has trampled on his once impressive legacy himself.

His successor Hansi Flick is faced with a fundamental decision. Will he continue the course of his former boss on the whole or dare to make a hard cut? The time until the World Cup in Qatar is very tight, there are about one and a half years left. Daredevil experiments are out of the question. The frustrated football people are insisting on a speedy improvement.

 

Elite players have arrived at normality

 

If one wants to take away a positive aspect from the all-too-early exit from the European Championship, then perhaps this one: Germany's elite players have arrived at sporting normality. Other great football nations such as England, Italy or Holland have also had to endure lean periods like the one we are currently experiencing. They just shouldn't last forever, please!

pm, ots, mei, Source: Mittelbayerische Zeitung

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