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Medizinhistoriker warnt vor "Nebenwirkungen" einer allgemeinen Impfpflicht

Der Medizinhistoriker Malte Thießen hat im phoenix-Interview vor den "Nebenwirkungen" einer allgemeinen Impfpflicht gewarnt. Im Vorfeld der Orientierungsdebatte im Bundestag sagte Thießen, historische Beispiele zeigten, dass die Einführung einer Impfpflicht erheblich zur Mobilisierung von Impfkritik und Impfskepsis beitrage.

 

Jene Bürger, "die durchaus für die Impfung zu gewinnen wären, die Ängste haben, mit denen man umgehen muss, die haben bei der Impfpflicht plötzlich nicht mehr nur vor dem Impfen Angst, sondern vor ganz anderen Dingen wie dem starken Staat", so Thießen. Ein weiterer negativer Aspekte sei die Ressourcenintensivität der Durchsetzung einer Impfpflicht. "Schon im 19. Jahrhundert klagen die Polizisten, dass sie besseres zu tun haben, als Müttern und Kindern zum Impfen hinterherzulaufen."

 

Impfpflicht ist ein stumpfes Schwert

 

Außerdem sei die Impfpflicht "ein stumpfes Schwert", das neue Gefahren berge. "Die, die sich nicht impfen lassen wollen oder die noch größere Ängste aufbauen, die suchen sich dann Umwege, etwa mit gefälschten Impfzertifikaten. Das ist ein Problem für uns alle, weil wir uns damit dann versteckte Infektionsherde einhandeln", so Thießen.

 

Schon im 19. Jahrhundert gab es viele Impfgegner-Vereine

 

Die Geschichte, etwa die der Einführung einer Impfpflicht gegen Pocken im 19. Jahrhundert, biete zwar keine Patentlösungen, aber es gebe viele "strukturelle Ähnlichkeiten". "Tatsächlich wächst die Mobilisierung der Impfkritik, das kann man im 19. Jahrhundert schon sehen. Nach Ausrufung der Impfpflicht schießen die Impfgegnervereine wie Pilze aus dem Boden. Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert, da ist die Allgemeine Impfpflicht gegen Pocken in Deutschland 20/ 25 Jahre beschlossen, da schätzt man die Zahl der organisierten Impfgegner auf etwa 320.000. Aber auch die Debatten, die wir führen, über die Selbstbestimmung über den Körper, sind exakt die gleichen wie im 19. Jahrhundert", so der Historiker. Was man aus der Geschichte lernen könne: "In historischer Perspektive ist Freiwilligkeit ein Erfolgsrezept. Wer der Geschichte nicht glauben mag, der möge nach Bremen schauen, wo man mit entsprechender Kommunikation und guten Angeboten heute schon eine sehr sehr hohe Impfquote hat, da sollten wir erst einmal versuchen, ranzukommen." pm, ots

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