Der Historiker Götz Aly (78) macht die Politik der Wendejahre für die gegenwärtige politische und gesellschaftliche Situation in Ostdeutschland verantwortlich.
Im Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (noz) sagte er: "Die heutige Situation in der ehemaligen DDR haben wir Westler uns in den Jahren 1990 und folgende selbst eingebrockt: Die Abwicklung der DDR verlief zu schnell, zu wenig kooperativ und im Kern räuberisch."
Das betreffe insbesondere das Eigentum an Wohnraum sowie an öffentlichen Liegenschaften, aber auch ausbleibende Anerkennungen von ostdeutschen Berufsabschlüssen sowie den Austausch von Eliten in Betrieben, Gerichten, Ministerien und Hochschulen.
Als Redakteur der "Berliner Zeitung" in den 1990er Jahren habe er unter ostdeutschen Journalisten ebenso viele "hochqualifizierte und angenehme Kollegen" erlebt wie unter Westdeutschen - "und jeweils genauso viele windige, schlecht schreibende oder parteiisch fixierte Wichtigtuer", sagte Aly gegenüber noz.
Kritik an Politik und Gesellschaft
Der Historiker, Buchautor und Journalist Götz Aly (78) übt harsche Kritik an Politik und Gesellschaft Deutschlands und fordert drastische Reformen für das Staatswesen. "Unsere Gesellschaft ist starr, zäh, egoistisch und krampfhaft besitzwahrend geworden", sagte er im Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (noz). Der Bund könne "nicht weiterhin mehr als den halben Bundeshaushalt in Renten, Pensionen und soziale Umverteilungsmaßnahmen stecken, weil wir damit die Zukunft des Landes und der nächsten Generationen verspielen". Deutschland müsse "sehr viel verändern", wenn es weiter zu den führenden Staaten der Welt gehören wolle. Dafür brauche es "wieder Politiker, die notwendige Reformen gegen den momentanen Mehrheitswillen der Bevölkerung durchpauken", so Aly. Friedrich Merz (CDU) traut er das einstweilen nicht zu: "Ein Bundeskanzler dieses Formats fehlt uns bislang."
Söder: Champion auf der Popolismusskala
Starke Kritik übte Aly am bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chef Markus Söder: Dieser sei der "Champion" auf der "nach oben offenen Populismusskala", noch vor dem Co-Vorsitzenden der AfD, Tino Chrupalla. Aly weiter: "Im Übrigen schätze ich an Herrn Chrupalla, dass er seine Liebe oder Nichtliebe zu deftigen Fleischgerichten als Privatangelegenheit behandelt und nicht politisch-demonstrativ Leberkäs- und Dönerberge in sich hineinstopft." pm, ots, noz
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