Das bittere Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft im WM-Sechzehntelfinale gegen den Außenseiter Paraguay (3:4 nach Elfmeterschießen) war sportlich eine handfeste Blamage.
Doch während Fußball-Deutschland noch fassungslos den Kopf schüttelte, sorgte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auf der Plattform X für ein politisches und kommunikatives Trauerspiel, das die Gemüter mindestens ebenso erhitzt wie das vorzeitige WM-Aus.
Der Tweet: Stolz auf ein Desaster
Keine halbe Stunde nach dem Abpfiff flimmerte über den offiziellen Kanal des Bundeskanzlers eine Nachricht, die so gar nicht zur sportlichen Realität passen wollte: „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel. Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“
- Die Reaktion des Netzwerks ließ nicht lange auf sich warten. Innerhalb von Minuten ging die Phrase „Welches Spiel?“ auf X viral. Sportjournalisten, Fans und die politische Konkurrenz überschlugen sich mit Spott. Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) ätzte prompt: „Ich weiß gar nicht, was schlimmer war. Das Spiel oder diese Analyse.“
- Andere Kritiker warfen dem Kanzler akuten Realitätsverlust vor und zogen Parallelen zu seiner Regierungsarbeit – ihm wurde unterstellt, er habe sich so sehr an das Schönreden von Misserfolgen gewöhnt, dass er den Blick für die Realität komplett verloren habe.
- Anstatt den Beitrag klammheimlich zu löschen, versuchte Merz Stunden später eine Flucht nach vorn und schob einen zweiten, trotzigen Post hinterher: „Wer den Adler auf der Brust trägt, hat unseren Rückhalt verdient und nicht unseren Spott.“ Ein Ablenkungsmanöver, das das kommunikative Desaster nur noch untermauerte.
Wer war schuld? Die Sündenbock-Suche im Kanzleramt
Nachdem der Spott das Kanzleramt vollends überrollt hatte, sah sich das Bundespresseamt gezwungen, Schadensbegrenzung zu betreiben. Die offizielle Erklärung für den bizarren Jubel-Tweet: Ein technischer und organisatorischer Abstimmungsfehler.
- Die „Falscher-Knopf“-Theorie: Aus Regierungskreisen hieß es hastig, es sei bei Großereignissen völlig üblich, Social-Media-Inhalte für verschiedene Szenarien im Voraus zu texten. Für den Fall des Ausscheidens lag offenbar eine differenziertere, kritischere Version bereit. Veröffentlicht wurde jedoch aus Versehen der Entwurf, der vermutlich für ein knappes, heroisches Halbfinal-Aus gedacht war.
- Das Kanzleramt wiegelt ab: Ein Regierungssprecher fasste das Malheur mit den Worten zusammen: „Falscher Tweet, falscher Zeitpunkt, falscher Knopf.“ Der Vorgang sei „hochgradig ärgerlich“, könne aber passieren.
Das korrigierte Gerücht um den „jungen Mitarbeiter“
- Besonders brisant an der Schuldfrage: In der ersten Berichterstattung des Tagesspiegels hieß es zunächst aus internen Quellen, die Schuld sei auf einen „jungen Mitarbeiter“ im Social-Media-Team geschoben worden, der in der Hektik der Nacht den falschen Entwurf freigeschaltet habe.
- Diese Version stieß jedoch sofort auf massive Kritik, da sie wie der klassische Versuch wirkte, die Verantwortung nach ganz unten durchzureichen.
- Das Kanzleramt intervenierte daraufhin eilig und korrigierte die Darstellung: Man wolle sich zu „internen Abläufen grundsätzlich nicht äußern“. Das Narrativ wurde nun komplett auf einen unpersönlichen, rein technischen „Abstimmungsfehler“ im System heruntergebrochen, um die politische Führung aus der Schusslinie zu nehmen.
Fazit: Der Vorfall hinterlässt einen faden Beigeschmack. Er zeigt eine Regierungszentrale, die bei der Krisenkommunikation im digitalen Raum ähnlich unglücklich agiert wie die DFB-Elf auf dem Rasen in Foxborough. mei
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