Es sollte der große Wurf für die „Three Lions“ werden, doch am Ende stand das nächste traumatische Kapitel der englischen WM-Geschichte.
Nach einer 1:0-Führung durch Anthony Gordon (55.) gab England das Halbfinale gegen Argentinien in den Schlussminuten komplett aus der Hand und verlor mit 1:2.
Ein kritischer Blick auf die taktischen und personellen Fehler, die Nationaltrainer Thomas Tuchel und seinem Team gestern Abend in Atlanta den Finaleinzug kosteten:
Die verhängnisvolle Defensiv-Entscheidung (72. Minute)
Der wohl gravierendste Fehler des Abends passierte an der Seitenlinie. Kurz nach der zweiten Trinkpause in der 72. Minute entschied sich Thomas Tuchel, den Torschützen Anthony Gordon vom Feld zu nehmen und durch den Verteidiger Ezri Konsa zu ersetzen.
- Der Fehler: Mit dem Wechsel stellte England auf ein extrem passives 5-4-1-System um. Damit signalisierte Tuchel der Mannschaft: „Wir mauern jetzt nur noch.“
- Die Konsequenz: England beraubte sich freiwillig jeder defensiven Entlastung und jeglicher Kontergefahr über die zuvor so gefährliche linke Seite. Argentinien konnte im Mittelfeld schalten und walten wie es wollte und schob die Verteidigungslinie immer weiter nach vorne.
Der passive Umgang mit Lionel Messi
Man sollte meinen, dass man nach fast zwei Jahrzehnten Weltklasse-Fußball weiß, wie man Lionel Messi verteidigt: durch enges, aggressives Doppeln vor der Box. England tat im letzten Drittel des Spiels genau das Gegenteil.
- Beim 1:1-Ausgleich (85.) durfte Messi nach einer kurzen Ecke ungestört den Ball annehmen und quer auf Enzo Fernández legen, der aus 20 Metern Maß nehmen konnte.
- Beim 1:2-Siegtreffer (90.+2) bekam Messi auf dem Flügel erneut viel zu viel Raum und schlug eine seiner gefürchteten, zentimetergenauen Flanken auf den Kopf von Lautaro Martínez.
- Das Versäumnis: Im defensiven Mittelfeld fehlte in der Schlussphase nach der Auswechslung von Declan Rice die nötige Aggressivität und Tiefe, um die Schnittstellen vor der Abwehr rechtzeitig zu schließen.
Der Totalausfall von Harry Kane im Offensivspiel
Während die jungen Flügelspieler Morgan Rogers und Anthony Gordon unermüdlich arbeiteten und das 1:0 sehenswert kreierten, blieb Kapitän Harry Kane über weite Strecken der Partie ein Fremdkörper im englischen Spiel.
- Fehlender Impact: Kane ließ sich zwar phasenweise tief fallen – wie auch vor dem Führungstreffer –, strahlte im gegnerischen Strafraum jedoch quasi überhaupt keine Torgefahr aus. Gegen die aggressive argentinische Innenverteidigung um Cristian Romero fand der Bayern-Stürmer überhaupt kein Mittel.
- Kein Pressing-Führer: In der Phase, in der Argentinien das Spiel drehte, gelang es Kane als vorderster Reihe nicht mehr, das Aufbauspiel der Südamerikaner zu stören.
Das personelle Missverhältnis bei den Einwechslungen
Während Argentiniens Coach Lionel Scaloni mit Rodrigo De Paul, Nico González und dem späteren Siegtorschützen Lautaro Martínez goldene Joker einwechselte, verpufften Tuchels Wechsel komplett.
- Die Einwechslung von Dan Burn (83.) für den stabilen Reece James schwächte die ohnehin wackelige Abwehr weiter.
- Der junge Nico O'Reilly (83. für Rice) wurde in die hektischste Phase des Spiels geworfen und konnte die Kreise von Messi und Co. nicht einschränken.
- Die Brechstange mit Ivan Toney und Marcus Rashford in der 93. Minute kam schlichtweg viel zu spät, um noch ernsthaft zu antworten.
Fazit: England hat dieses Halbfinale nicht verloren, weil Argentinien drückend überlegen war, sondern weil man sich nach dem 1:0 zu früh und viel zu tief in die eigene Passivität flüchtete. Thomas Tuchels taktischer Rückzug lud den Weltmeister regelrecht zum Toreschießen ein – ein Fehler, den eine abgezockte Mannschaft um Lionel Messi eiskalt bestraft. mei
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