Großbritannien seht vor dem Einzug seines siebten Premierministers innerhalb von nur zehn Jahren. Am Montag, den 20. Juli 2026, wird Andy Burnham nach dem erzwungenen Rücktritt von Keir Starmer offiziell die Regierungsgeschäfte in Westminster übernehmen.
Doch der fliegende Wechsel an der Regierungsspitze offenbart tiefgreifende Risse in der Labour-Partei und hinterlässt ein Land im Zustand politischer Erschöpfung.
Warum Keir Starmer so extrem unbeliebt war
Als Keir Starmer im Sommer 2024 mit einer historischen parlamentarischen Mehrheit ins Amt gewählt wurde, versprach er eine Ära der „nationalen Erneuerung“. Knapp zwei Jahre später hinterlässt er Trümmer und historische Tiefstwerte bei den Umfragen (zeitweise ein Netto-Rating von -46 %).
Seine Unbeliebtheit speiste sich aus drei wesentlichen Faktoren:
- Der Mandelson-Epstein-Skandal: Der politische Todesstoß für Starmers ohnehin beschädigte Integrität war die Ernennung des Labour-Urgesteins Peter Mandelson zum britischen Botschafter in den USA. Als Ende 2025 durch Dokumente des US-Justizministeriums bekannt wurde, dass Mandelson über das wahre Ausmaß seiner Verbindungen zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein gelogen hatte, musste Starmer ihn entlassen. Der Vorwurf der Vetternwirtschaft und mangelnden Urteilskraft blieb an Starmer kleben.
- Politisches Profilvakuum und ausbleibende Ergebnisse: Dem britischen Wähler vermittelte Starmer nach 14 Jahren konservativer Austeritätspolitik kaum spürbare Verbesserungen. Seine technokratische, oft als hölzern empfundene Art kombinierte sich mit permanenten Kurswechseln, was ihm den Ruf einbrachte, keine echten Visionen zu besitzen.
- Das Desaster bei den Kommunalwahlen im Mai 2026: Bei den Regional- und Kommunalwahlen im Mai 2026 erlebte Labour ein beispielloses Debakel. In Wales verlor die Partei erstmals seit 1922 eine Wahl. Die unzufriedenen Wähler wanderten in Scharen zu den Grünen, der Regionalpartei Plaid Cymru und der rechtspopulistischen Reform UK ab. Als daraufhin im Juni auch noch Kabinettsmitglieder und die Militärführung aus Protest gegen geplante Verteidigungskürzungen zurücktraten, war Starmer politisch am Ende und verkündete am 22. Juni 2026 seinen Rücktritt.
Die politische Vita von Andy Burnham: Der ewige Rückkehrer
Andy Burnham (56) ist in der britischen Politik alles andere als ein unbeschriebenes Blatt, verkörpert jedoch einen gänzlich anderen Typus als sein Vorgänger.
- Der Weg nach Westminster: Geboren in Liverpool in einer katholischen Arbeiterfamilie, studierte Burnham in Cambridge und arbeitete als politischer Berater, bevor er 2001 als Abgeordneter für Leigh ins Unterhaus einzog.
- Erste Runden im Kabinett: Unter Tony Blair und Gordon Brown stieg er schnell auf und diente unter anderem als Kultur- und später als Gesundheitsminister. Nach der Wahlniederlage von Labour im Jahr 2010 scheiterte er jedoch zweimal (2010 und 2015) bei dem Versuch, Parteichef zu werden – unter anderem gegen den linksgerichteten Jeremy Corbyn.
- Der „König des Nordens“: Enttäuscht von der Westminster-Blase verließ Burnham London und wurde 2017 zum ersten direkt gewählten Bürgermeister von Greater Manchester. Hier erfand er sich neu: Während der Corona-Pandemie legte er sich medienwirksam mit der damaligen Tory-Regierung an, um finanzielle Hilfen für den Norden zu erstreiten, was ihm parteiübergreifend Respekt und seinen Spitznamen einbrachte. Seine Regionalpolitik, oft als „Manchesterism“ bezeichnet, setzte stark auf den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, bezahlbaren Wohnraum und die Kooperation von öffentlicher Hand und Privatwirtschaft.
- Der Coup von 2026: Um Starmer zu beerben, musste Burnham zurück ins Parlament. Im Juni 2026 trat ein Labour-Abgeordneter im Wahlkreis Makerfield zurück, um eine Nachwahl zu ermöglichen. Burnham gewann diese deutlich gegen Reform UK, dominierte die anschließende innerparteiliche Nominierungsphase ohne Gegenkandidaten und wurde am 17. Juli 2026 offiziell zum Labour-Chef erklärt.
Kritischer Ausblick: Vorschusslorbeeren treffen auf harte Realität
Burnham zieht mit dem Versprechen einer „Politik der Einheit und Hoffnung“ in Downing Street ein. Er plant, die Dezentralisierung massiv voranzutreiben und symbolisch eine Zweigstelle des Premierministerbüros als „No. 10 North“ in Manchester einzurichten.
Doch der kritische Blick hinter die Rhetorik offenbart immense Hürden
- Das Dilemma der Finanzen: Burnham gilt im Vergleich zu Starmer als wirtschaftspolitisch links der Mitte und neigt zu höheren Staatsausgaben. Angesichts einer erdrückenden Staatsverschuldung, stagnierendem Wachstum und volatiler Märkte fragen sich Ökonomen zu Recht, wie er seine ambitionierten Infrastrukturprojekte finanzieren will. Steuererhöhungen gelten trotz gegenteiliger Beteuerungen als nahezu unvermeidbar.
- Die Projektionsfläche: Burnham profitierte jahrelang davon, als Regionalpolitiker gegen „die da oben in London“ wettern zu können. Jetzt ist er „die da oben“. Diverse Strömungen innerhalb von Labour projizieren völlig widersprüchliche Erwartungen in ihn.
- Das weltpolitische Vakuum: Während Burnham im Nahverkehr von Manchester glänzte, verfügt er über keinerlei nennenswerte außenpolitische Erfahrung. In einer Zeit, in der der Ukraine-Krieg andauert und in den USA eine unberechenbare Trump-Administration regiert, ist dieses Manko ein erhebliches Sicherheitsrisiko für die britische Diplomatie.
Fazit: Andy Burnham bringt die Empathie und Nahbarkeit mit, die Keir Starmer komplett abgingen. Doch der Honeymoon wird extrem kurz sein. Die strukturellen Probleme Großbritanniens lösen sich nicht durch einen sympathischen nordenglischen Akzent – Burnham muss nun beweisen, ob er mehr ist als nur ein populistischer Krisenmanager. mei
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